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20. November 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

Die Mäzene werden professioneller

Arbeitswelt: Stiftungswesen

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Beat Grossrieder

Dass die Schweiz ein «Stiftungsparadies» ist, sei kein Klischee, sondern eine Tatsache, sagt Georg von Schnurbein, Leiter des Centre for Philanthropy Studies (CEPS) an der Universität Basel, des ersten universitären Zentrums für Stiftungswesen und Philanthropie der Schweiz. Auf 10 000 Einwohner entfallen hierzulande 16,1 gemeinnützige Stiftungen, was deutlich höher ist als der Anteil im Ausland. Zum Vergleich: Der Stiftungsindex pro 10 000 Bewohner beträgt in Würzburg, das den höchsten Anteil an gemeinnützigen Stiftungen Deutschlands aufweist, gerade einmal 7,7, also knapp die Hälfte. Das gesamte in philanthropischen Stiftungen der Schweiz angelegte Kapital dürfte rund 50 Milliarden Franken betragen, so dass auf jede Schweizerin und jeden Schweizer etwa 6500 Franken an wohltätigen Stiftungsgeldern entfallen. «Damit belegt die Schweiz nach wie vor einen europäischen Spitzenplatz», betont von Schnurbein.

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Selbst in den letzten Jahren, als die Wirtschaft ins Stocken geriet, nahm die Anzahl neugegründeter wohltätiger Stiftungen in der Schweiz weiter zu – wogegen etwa die Anzahl der Personalvorsorgestiftungen drastisch sank. Nach einem konjunkturbedingten Rückgang 2009 wurden 2010 landesweit 508 gemeinnützige Stiftungen gegründet, Ende 2010 zählte man insgesamt über 12 500 Institutionen. Pro Jahr schütten diese Stiftungen rund 2 Milliarden Franken an Unterstützungsgeldern aus. Im laufenden Jahr könne man mit rund 400 Neugründungen rechnen, prognostiziert von Schnurbein, womit in der Schweiz nach wie vor jeden Tag mehr als eine Stiftung neu gegründet wird.

Dieser Trend werde anhalten, glaubt der Stiftungsexperte, wenn auch abgeschwächt. Der Stiftungsreport 2011 etwa zeigt, wie stark das Wachstum der Stiftungen an den Swiss-Market-Index (SMI) gebunden ist: In den «mageren» Jahren 1996/97, 2003, 2005 und 2009 zeigte nicht nur der SMI nach unten, sondern auch die Anzahl Stiftungsgründungen nahm signifikant ab. Kommt hinzu, dass rund die Hälfte der heute aktiven Stiftungen nach 1990 gegründet wurde, also relativ jung ist. Besonders die neueren und eher kleineren Stiftungen liefen Gefahr, sich wieder auflösen zu müssen, hat von Schnurbein festgestellt. «Es ist nicht in jedem Fall die beste und einzig mögliche Lösung, eine Stiftung zu gründen – unter Umständen kann eine andere Rechtsform passender sein. Umgekehrt muss man sagen, dass die Stiftung in den letzten Jahren als Rechtsform viel flexibler geworden ist und gerade in der Schweiz ein sehr liberales Stiftungsrecht vorhanden ist.»

Ist eine Stiftung einmal gegründet, geht es heute vor allem darum, sie möglichst professionell zu führen. Lange Zeit fristeten Stiftungen ein Schattendasein; in Basel etwa, das schweizweit die höchste Stiftungsdichte aufweist, gehörte es einfach zum guten Ton der vermögenden Gesellschaft, das Geld auch wohltätig einzusetzen. Das passierte meist ehrenamtlich und ohne grosses Aufheben – «man gibt und sagt nichts!», lautete die Devise. Heute ist das anders, Stiftungen werden zunehmend professioneller geführt, stellen also eine Leitung und einen Mitarbeiterstab an, der auch honoriert wird. Ein Blick in den Stiftungsreport 2011 zeigt, dass sich die Anzahl Beschäftigter im Nonprofitorganisations-Sektor seit 1995 fast verdoppelt hat. Die durchschnittlichen Jahresbezüge der NPO-Führungskräfte betragen im Top-Kader rund 151 000 Franken, auf zweiter Führungsebene 125 000 Franken (Quelle: Gehaltsstudie des Instituts für Verbandsmanagement [VMI] der Universität Freiburg, 2006). Dennoch wird der Grossteil der gemeinnützigen Stiftungen heute noch ehrenamtlich geführt, der Trend geht aber klar hin zu einer Professionalisierung, wie sie im anglofonen Raum schon längere Zeit zu beobachten ist.

Das zeigt auch der Strukturwandel, der im Umfeld der Stiftungen im Gang ist. Das CEPS, das von Schnurbein leitet, ist ein klares Indiz dafür, dass die Branche transparenter werden will. 2008 wurde das CEPS als erstes Zentrum für Stiftungswesen und Philanthropie der Schweiz eröffnet, die Initiative ging vom Branchenverband Swiss Foundations aus, finanziert wird das Zentrum in der Anfangszeit von Stiftungen wie Avina, Christoph Merian, Ernst Göhner, Gebert Rüf, Sophie und Karl Binding sowie der Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige (GGG) Basel. Kann ein Hochschulzentrum, das direkt von seinem Untersuchungsgegenstand alimentiert wird, überhaupt unabhängig forschen? Georg von Schnurbein stellt klar, dass die involvierten Stiftungen keinen unmittelbaren Einfluss auf die Arbeit des CEPS haben.

Das CEPS in Basel ist für die Schweiz ein Novum, im Ausland hat die Forschung die Philanthropie inzwischen auch entdeckt. In den letzten fünf Jahren sind neben dem CEPS universitäre Forschungszentren in Deutschland, England, Norwegen, den Niederlanden und Frankreich entstanden; diese sind über das European Research Network of Philanthropy miteinander vernetzt. «Allen gemeinsam ist, dass sie zu wesentlichen Teilen durch private Förderer finanziert werden», sagt von Schnurbein.

Um die Stiftungen kompetent erforschen zu können, brauche es aber eine bessere Datenlage, sagt der Basler Professor. Zwar werde jede Stiftung ins Handelsregister eingetragen, und ein Teil der Institutionen werde auch von der eidgenössischen Stiftungsaufsicht begutachtet, doch bestehe zum Beispiel keine Pflicht, über Art und Ausmass der jährlichen Ausschüttungen Auskunft zu geben. «Gäbe es eine Karte der Stiftungslandschaft Schweiz, so wäre diese über weite Gebiete hinweg weiss: Terra incognita!», bedauert Philipp Egger, Geschäftsführer der Gebert-Rüf-Stiftung und Mitglied von Swiss Foundations.

Aber nicht nur der Datenmangel ist zu beklagen, die Schweizer Philanthropie ist generell wenig erforscht. Diese Lücke will insbesondere das CEPS füllen; es erarbeitet zum einen Grundlagenwissen, zum andern bietet es den Nonprofitorganisationen Beratungen sowie Weiterbildungen für Kader und Mitarbeitende an. Gerade die Professionalisierung des im Stiftungssektor tätigen Personals hat in den letzten Jahren einen starken Aufschwung erfahren: Neben dem CEPS in Basel bieten heute auch die Universität Freiburg, die Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und die Fachhochschule Luzern eine breite Palette an Kursen und Diplomlehrgängen an. Hier ist das Angebot stark gewachsen.

Am 24. November 2011 findet das 11. Schweizer Stiftungs-Symposium statt. Zum Thema «Learning by Doing – Herausforderungen einer Wachstumsbranche» trifft sich die Branche zu diesem zentralen Netzwerkanlass im Rolex-Learning-Center in Lausanne. Informationen und Anmeldung:

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