19. September 2011, NZZexecutive
«Kein Hammer schlägt die Nägel selber ein»
Können soziale Netzwerke zu beruflichem Aufstieg und Erfolg verhelfen?
Interview Mathias Morgenthaler
Robert Beer, es gibt Facebook, Twitter, Xing, LinkedIn, diverse SMS- und Chat-Dienste … Manchmal gewinnt man den Eindruck, die Menschen hätten sich heute auf beeindruckend vielen Kanälen erschreckend wenig zu sagen.
Robert Beer: Man sieht tatsächlich viel Belangloses auf einigen dieser Kanäle – bei Facebook ist das Teil des Geschäftskonzepts. Das hat durchaus seine Berechtigung. Menschen wollen ja nicht nur relevante Informationen austauschen, sondern auch plaudern, flirten, Fotos teilen und dergleichen. Bei Xing findet man kaum belanglose Kommunikation, weil für jeden die berufliche Reputation auf dem Spiel steht.
Verständlich, dass Sie das als Länderverantwortlicher so darstellen. Aber Hand aufs Herz: Kennen Sie viele Menschen, die über Xing eine neue Stelle gefunden haben?
Ich selber zum Beispiel. Vor gut einem Jahr erhielt ich aus München über Xing ein sehr interessantes Stellenangebot. Aus Rücksicht auf die Familie lehnte ich ab. Wenig später wies mich der Münchner Kontakt darauf hin, dass Xing einen Country Manager für die Schweiz sucht. Ich bewarb mich und konnte mich dank Xing bestens auf das Vorstellungsgespräch vorbereiten. Das ist ein weiterer Vorteil solcher Netzwerke. Früher wusste der Personalverantwortliche sehr viel über den Kandidaten, dieser fast nichts über sein Gegenüber und die Firma. Heute sind sehr viele Informationen über Personen und Unternehmen mehr oder weniger frei zugänglich.
Ihr Xing-Kontaktnetz nimmt sich mit gut 600 Kontakten vergleichsweise bescheiden aus – andere eifrige Netzwerker bringen es auf mehrere tausend Kontakte. Ist es sinnvoll, möglichst viele Kontakte zu sammeln?
Diese Frage muss jeder für sich beantworten. Ich kann Ihnen sagen, wie ich Xing nutze: Wenn ich mit einer Person, die ich nicht kenne, ein Geschäft machen will, dann schaue ich, ob diese Person und ich einen gemeinsamen Kontakt haben, der mir als Türöffner dienen kann. Ich habe rund 175 000 Kontakte zweiten Grades, also Leute, die mit jemandem in Kontakt stehen, den ich kenne. Das ist mein Geschäftspotenzial, und dieses wird verwässert, wenn ich wildfremde Leute als Kontakte hinzufüge. Dank meinen 600 engen Kontakten kann ich sagen, dass ich über maximal zwei Stufen zu fast der Hälfte der Schweizer Xing-Nutzer einen unkomplizierten Kontakt herstellen kann. Das öffnet mir viele Türen.
Man könnte auch sagen: Auf Xing sind vor allem jene Menschen aktiv, die zu viel Zeit und zu wenig zu tun haben.
Wer akuten Bedarf hat, wird aktiver, das ist klar. Insgesamt sehen wir aber eine gute Balance zwischen Angebot und Nachfrage. Eine Studie hat gezeigt: Vier von fünf Personalverantwortlichen nutzen Xing für die Personalsuche, vier von fünf Xing-Nutzern brauchen Xing für die Stellensuche. Ein grosser Vorteil ist, dass auf unserer Plattform auch der verdeckte Arbeitsmarkt erfasst wird. Auch wer in einer ungekündigten Anstellung ist, kann auf seinem Xing-Profil deklarieren, dass er an Karrierechancen interessiert ist – und zwar so, dass das nur Personalvermittler mit einem Recruiter-Zugang sehen.
Sie reden so, als würden einem haufenweise Traumjobs angeboten, sobald man sich bei Xing gut präsentiert.
Das wäre sicher keine realistische Erwartung, schon deshalb nicht, weil es viel weniger Traumjobs gibt als Menschen, die solche suchen. Xing ist ein Werkzeug, das man aktiv einsetzen muss – kein Hammer schlägt die Nägel von selber ein. Man sollte sich keine Wunderdinge erhoffen, aber sich gleichzeitig bewusst sein: Wer nicht in den sozialen Medien kommuniziert, existiert heute nicht.
Das ist jetzt nicht Ihr Ernst, oder?
Okay, er existiert weiterhin, aber er wird im Internet nicht gefunden. Vor 15 Jahren fragten sich viele Firmen, ob sie wirklich eine Internetseite brauchen, heute ist das eine Selbstverständlichkeit. Natürlich kann man ohne Netzwerke wie Xing oder Facebook leben, aber warum sollte man auf all die Vorteile verzichten, die sich durch intelligente Nutzung ergeben?
Vielleicht weil man den persönlichen Kontakt bevorzugt.
Das ist keine Entweder-oder-Frage. Xing-Mitglieder haben in der Schweiz in den letzten zwölf Monaten 9600 Live-Events durchgeführt, die Nutzer sind also auch abseits des Computers aktiv. Ein Vorteil von Plattformen wie Xing ist ja, dass man leicht Zugang zu neuen Netzwerken erhält. Beruflich und privat tendiert man sonst dazu, sich immer in den gleichen Kreisen zu bewegen. Wer hier ausbricht und den Horizont erweitert, entwickelt sich sprunghaft weiter – der Effekt ist bekannt von Reisen in fremden Kulturen. Deshalb organisiert Xing regionale Netzwerktreffen, wo Mitglieder sich mit Leuten aus ganz anderen Branchen austauschen können.
Ist Facebook eine Konkurrenz für Xing, oder profitieren Sie von dessen schnellem Wachstum?
Der Facebook-Erfolg hilft uns. Wir entwickeln den Markt «Social Networking» gemeinsam und sind darin unterschiedlich positioniert. In zwei Punkten unterscheiden wir uns grundlegend von Facebook: Bei Xing kontrolliert jeder seine digitale Identität selber. Und: Alle Seiten auf Xing werden SSL-verschlüsselt und sind dadurch sicherer vor fremdem Zugriff als normale E-Mails.
Copyright © Neue Zürcher Zeitung AG
Alle Rechte vorbehalten. Eine Weiterverarbeitung, Wiederveröffentlichung oder dauerhafte Speicherung zu gewerblichen oder anderen Zwecken ohne vorherige ausdrückliche Erlaubnis von NZZ Online ist nicht gestattet.
Diesen Artikel finden Sie auf NZZ Online unter:
http://news.nzzexecutive.ch/arbeitsmarkt/uebersicht/xing_robert_beer_country_manager_switzerland_1.12563021.html














Senior Entwicklungs-ingenieur
Wenn Sie diesen Artikel kommentieren möchten, melden Sie sich bitte mit Ihrem MyNZZ-Benutzernamen an. Diese Funktion ist an Wochenenden und Feiertagen gesperrt.