18. Juli 2011, NZZexecutive
Pensionskassengeld gegen Quinoa getauscht
In Bolivien in den Rohstoffhandel einzusteigen ist ein risikoreiches Abenteuer

Patric Fuhrimann hat Betriebsökonomie studiert und ist neben seinem Quinoa-Abenteuer Leiter Logistik und Finanzen sowie Mitglied der Geschäftsleitung bei Swissaid.
Neue Luzerner Zeitung / Mathias Morgenthaler
Patric Fuhrimann, Sie haben auf dem zweiten Bildungsweg Betriebsökonomie studiert. Statt danach eine gut dotierte Stelle anzutreten, packten Sie Ihre Sachen und reisten ins bolivianische Hochland. Weshalb?
Patric Fuhrimann: Ich hatte viel Zeit und Energie in das berufsbegleitende Studium investiert. Vernünftig wäre gewesen, nach dem Abschluss bei einer Bank oder Versicherung anzuheuern. Meine Partnerin und ich hatten aber mehr Lust, ein Abenteuer in Bolivien in Angriff zu nehmen. Wenn man sich erst einmal an die Annehmlichkeiten gewöhnt hat, bricht man nicht mehr so leicht auf. Deshalb sagte ich mir: «Du bist jetzt 30-jährig – auf 80 Lebensjahre kannst du dir drei verrückte Jahre herausnehmen.»
Sie machten nicht einfach Ferien, sondern engagierten sich in einem Projekt in Bolivien. Was war Ihre Aufgabe?
Wir halfen den Bauern aus dem Tiefland, ihre Produkte besser zu vermarkten. Zuerst war alles sehr handgestrickt, wir klebten selbst gedruckte Bio-Etiketten auf die Reis- und Bohnenverpackungen. Um die Sache professioneller anzupacken, suchte ich die internationale Zertifizierungsstelle in Bolivien auf. Im Warteraum sprach mich ein Bauer aus dem Hochland an. Er bat mich, ihm bei der Vermarktung des getreideähnlichen Korns Quinoa zu helfen. Ausserdem brauche er noch einen Bankkredit. Wir sprachen mit ihm bei Banken vor, erhielten aber kein Geld. Also schlug der Bauer vor: «Kauft doch meine Ware und eröffnet einen Laden in der Schweiz.»
Gesagt, getan?
Wir entwarfen auf einer Papierserviette eine Art Businessplan. Wären wir in der Schweiz gewesen, hätten wir das Risiko kaum auf uns genommen. In Bolivien ist schon die Busfahrt vom Hoch- ins Tiefland so riskant, dass niemand Sicherheit erwartet. Davon liessen wir uns wohl anstecken. Nachdem uns einige Verarbeiter aus der Schweiz vages Interesse signalisiert hatten, entschlossen wir uns, mit unserem Pensionskassengeld 20 Tonnen Quinoa zu kaufen. Meine Partnerin reiste in die Schweiz und gründete 2006 mit ihrem Bruder die Firma Swipala. Ich kümmerte mich um die Logistik vor Ort.
Wie lagert man 20 Tonnen Quinoa?
Meine Partnerin machte eine alte Käserei auf dem Land ausfindig, die in einen trockenen Lagerraum umfunktioniert werden konnte. Von Bolivien aus überredete ich meine Eltern, diesen Lagerraum für uns herzurichten. Sie dachten vermutlich, ihr Sohn habe den Verstand verloren. Nachdem sie sich vom ersten Schock erholt und den Ernst der Lage erfasst hatten, mobilisierten sie ihre Kollegen und packten mit an. Nach einer 55-tägigen Reise mit Camion, Schiff und Bahn traf unser in Challapata auf über 4000 Metern über Meer geerntetes Quinoa in der alten Käserei in Mülchi ein – und wir standen vor der Frage, wie wir diesen Schatz verpacken und unter die Leute bringen konnten. Klar war: Es mussten auffallend schöne Verpackungen sein. Eine bolivianische Malerin und ein Schweizer Verpackungsprofi halfen mit, dieses Ziel zu realisieren.
Wie war die Nachfrage?
Wir stellten nach der Rückkehr rasch fest, dass es sehr schwierig war, Abnehmer zu finden. Ich fand einen Teilzeitjob, die übrige Zeit nutzte ich, um Klinken zu putzen. Überall warb ich für unser Produkt, pries die hervorragenden Nährwerte, die Vielseitigkeit von Quinoa in der Zubereitung, den Fair-Trade-Aspekt. Jedes Mal, wenn ein Bioladen drei oder fünf Packungen bestellt hatte, brachte ich die Ware voller Stolz persönlich vorbei. Mein betriebswirtschaftliches Gewissen hätte es mir ja verbieten müssen, wegen dreier Packungen nach Sargans zu fahren, aber zu Beginn gab es keine Alternative. Dann gewannen wir dank der Zusammenarbeit mit einem engagierten Logistiker auf einen Schlag 200 Kunden. Das fühlte sich an wie der Durchbruch. Doch finanziell rechnete sich das Projekt noch nicht. Wir legten bei jeder Packung 3 Franken drauf – unsere Arbeitszeit nicht eingerechnet.
Trotz ehrenamtlicher Arbeit verdienten Sie kein Geld?
Wir zahlten viel Lehrgeld. Lange Zeit standen wir am Wochenende mit unseren Eltern im Lager und füllten mit einer kleinen Schaufel Quinoa aus 20-Kilo-Säcken in 500-Gramm-Packungen um. Schliesslich fanden wir einen Betrieb, der für uns 6 Tonnen in zwei Stunden abpackte – und inzwischen wird ein Teil in Bolivien verpackt. Heute sind wir fast schon Outsourcing-Profis.
Können Sie nun vom Handel leben?
Nein. Vier Tage pro Woche bin ich als Leiter Finanzen und Logistik bei Swissaid tätig, daneben bleiben drei Tage und einige Abende für die Quinoa-Geschichte.
Haben Sie in den fünf Jahren nie mit dem Gedanken gespielt, das aufwendige und riskante Geschäft aufzugeben?
Manchmal schon ... Aber etwas Eigenes zu realisieren und Entscheidungen zu fällen, ohne einen Chef fragen zu müssen, ist ein unbezahlbarer Luxus.
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Senior Entwicklungs-ingenieur
Kommentare lesen
Anton Paschke (19. Juli 2011, 09:28)
Gratuliere ganz herzlich!
Gratuliere ganz herzlich zum Erfolg!
Fuer die Leser: Migros verkauft Quinoa, es gibt zwei Sorten: rotes und weisses. Zubereitung in 10 Minuten, lecker!
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