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24. Oktober 2011, NZZexecutive

«Anstand ist gegenseitige Wertschätzung»

Korrektes Auftreten und gepflegte Kleidung spielen im Geschäftsalltag eine wichtige Rolle.

Michèle Ségouin Zoom

Michèle Ségouin

Interview Andy Waldis

Michèle Ségouin, Sie nennen sich «Die Anstandsdame». Können Eltern Sie als Erziehungshilfe für den Nachwuchs engagieren?

Michèle Ségouin: Ich bin offen für alles! Dank dieser Einstellung durfte ich bereits die unglaublichsten Geschichten erleben. Und trotzdem wäre ich als Teenager kaum erfreut darüber gewesen, wenn meine Eltern mir eine Aufpasserin an die Sohlen geheftet hätten. Mami und Papi könnten hingegen beruhigt schlafen, hätten sie ihre Kids bereits in früheren Jahren der Anstandsdame zu Besuch geschickt, denn ich wirke wie Baldrian für gestresste Elternherzen.

Ist gutes Benehmen ein Stück weit auch Ansichtssache? Kann man das Auftreten – beruflich wie auch privat – normieren?

Ségouin: Moderne Umgangsformen lassen dem Individuum einen ausreichend grossen Spielraum, um dem eigenen Charakter eine Bühne zu geben. Und trotzdem braucht unsere Gesellschaft bestimmte Normen und Regeln. Im Strassenverkehr zum Beispiel schreit niemand danach, Ampeln und Fussgängerstreifen abzuschaffen. Wir alle wissen, dass es Verkehrsregeln braucht, um sicher ans Ziel zu kommen. Moderne Umgangsformen sind nichts anderes als gegenseitige Wertschätzung.

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Wie haben sich die Umgangsformen im Lauf der Zeit verändert?

Ségouin: Die 68er-Generation lehnte Hierarchien und sture Regeln ab. So standen Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll wohl des Öfteren im Mittelpunkt. Stets gewahrt aber wurde der Respekt vor älteren Menschen, Vorgesetzten und Autoritätspersonen. Heute bieten junge Leute den gebrechlichen Menschen kaum mehr einen Sitzplatz im Bus an. Und wie zum Beispiel Lehrpersonen angefeindet werden, finde ich ebenfalls beängstigend. Während der Ölkrise 1977 ist in den USA ein Business-Dresscode entstanden. Zuvor hätte es niemand gewagt, ohne Krawatte ins Büro zu kommen oder gar die Nylonstrümpfe im Schrank zu lassen. Doch aufgrund der Ölknappheit wurden im Sommer die Klimaanlagen abgeschaltet, und die Krawatte blieb zu Hause. Das war wohl die Geburtsstunde der bis heute andauernden Diskussion über Faden und Kragen. Heutzutage werden Kleidervorschriften aber wieder deutlich strenger gehandhabt als früher, und so wird nach einer Laissez-faire-Zeit während der Achtziger- und Neunzigerjahre wieder mehr Wert auf korrekte Business-Kleidung gelegt.

Ist es unumgänglich, zu einem Vorstellungsgespräch mit Krawatte aufzukreuzen, auch wenn man sonst nie eine trägt? Natürlich kommt es auf die angepeilte Position an, aber nicht mal alle CEOs tragen Krawatte, wie beispielweise der ägyptische Investor Samih Sawiris.

Ségouin: Ob mit Krawatte oder ohne, hängt primär davon ab, welche Position Sie anstreben möchten. Natürlich können Sie die von der Anstandsdame empfohlene Garderobe über den Haufen werfen und sich selber treu bleiben. Sie müssen sich dann halt einfach der Konsequenz und besonders der Message hinter Ihrer Kleidung bewusst sein: «Ich lasse mir nichts vorschreiben» – so wird man Ihre Kleiderbotschaft interpretieren. Und ob diese in die Empfangshalle einer Grossbank passt, sei dahingestellt. Samih Sawiris, aber auch andere einflussreiche CEOs nehmen sich die Freiheit heraus, selbst an offiziellen Anlässen auf die Krawatte zu verzichten. Doch wenn wir in Bildarchiven stöbern, finden sich bestimmt die einen oder anderen Erinnerungsfotos an «brave» junge Männer mit schicken Krawatten.

Gute Manieren sind sicher positive Charaktermerkmale. Aber sagt es auch etwas über meinen Charakter aus, wenn ich bei einem Geschäftsessen zum Beispiel dem Fisch mit dem falschen Messer zu Leibe rücke oder das Weinglas nicht ganz korrekt in der Hand halte?

Ségouin: Selbst wenn Sie mit einem Totenkopf-Shirt zum Vorstellungsgespräch erscheinen, sagt diese Aktion noch lange nichts über Ihren Charakter, sondern bloss etwas über Ihre Einstellung aus. Das sind zwei Paar Schuhe. Moderne Umgangsformen stehen auf gleicher Ebene wie die gegenseitige Wertschätzung. Das ist im Restaurant nicht anders. Ich zolle der servierten Speise sowie den Mitarbeitenden, besonders aber meinem Gegenüber, Respekt und drücke meine Wertschätzung aus, indem ich mich korrekt verhalte. Im Übrigen stehen insbesondere Frauen und zukünftige Vorgesetzte auf gutes Benehmen. Und noch etwas zum Weinglas: Wer Stil hat, der hält es am Stiel – daran lässt sich nicht rütteln. Mir gefriert das Blut in den Adern, wenn ich in Hollywoodfilmen sehe, wie sich junge Damen inniger an ihr Weinglas klammern als an den hübschen Beau an ihrer Seite!

Sie bieten einen Crashkurs «Restaurant» an und richten sich damit beispielsweise an Studenten, die in den Semesterferien servieren wollen. Haben Sie Erfolg damit?

Ségouin: Bis jetzt kann ich nur von positiven Rückmeldungen berichten. Man muss unbedingt auch erwähnen, dass sich die Anforderungen an einen «einfachen Kellner» massiv verändert haben. So ist der Gast heute deutlich anspruchsvoller als noch vor einigen Jahren. Das verlangt nach einem professionellen und aufmerksamen Gegenüber, das einen mit Stil und Klasse durch den kulinarischen Abend begleitet. Seitens des Angestellten erfordert dies eine umfassende Produkte- und Menschenkenntnis, welche ganz junge «Kellner» meist nicht mitbringen. Eines meiner Ziele ist, Mitarbeitende von Hotels und Restaurants zu coachen. Ich möchte ihnen aufzeigen, wie sie auf ihre Gäste wirken. Denn die Mitarbeitenden an der Front sind das wertvollste und doch oft brach liegende Kapital in einem Betrieb. Und genau hier möchte ich der Branche etwas vermitteln, was sie mir mitgegeben hat: Freude und Stolz!


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