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6. Februar 2012, NZZexecutive

«Das Entscheidende ist nicht delegierbar»

Als Führungskraft muss man sich philosophisches Wissen aneignen.

Manuel Bachmann, Dr. phil., MBA HSG, ist Studienleiter des berufsbegleitenden Master-Studiengangs «Philosophie und Management» und Autor des philosophischen Management-Magazins «absolutum». Zoom

Manuel Bachmann, Dr. phil., MBA HSG, ist Studienleiter des berufsbegleitenden Master-Studiengangs «Philosophie und Management» und Autor des philosophischen Management-Magazins «absolutum».

Interview Andy Waldis

Manuel Bachmann, Sie sind Studienleiter des Executive-MAS «Philosophie und Management» der Universität Luzern. Was sagen Sie zum Fall Hildebrand?

Manuel Bachmann: Wer Macht übernimmt, nimmt sie sich nicht, vielmehr wird sie ihm anvertraut. Die angelsächsische politische Philosophie hat hierfür den Begriff «Trust» geprägt. Es spielt keine Rolle, ob Hildebrand Vorschriften eingehalten hat. «Trust» steht für ein der reglementarischen Korrektheit übergeordnetes Amtsverständnis. Deshalb ist es auch völlig irrelevant, wenn Revisoren Korrektheit bescheinigen oder Hildebrand sich darauf beruft, nie gelogen zu haben. «Trust» bedeutet, dass das Amt anvertraut ist und nichts anderes. Folgerichtig ist die Amtsenthebung, wenn der Amtsträger das Vertrauen verspielt.

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Was lernen wir aus dem Fall Hildebrand?

Bachmann: Aufstieg und Fall des Nationalbankpräsidenten zeigen, was Management sein sollte: Dienst an der Sache, nicht Selbstberauschung – eine Unterscheidung, die auf Max Weber zurückgeht. Hildebrand liess Zweifel aufkommen, ob er diese Abgrenzung ernst genug nimmt. Und die Diskussionen in den Medien liessen Zweifel aufkommen, ob diese fundamentale Differenz in der Beurteilung des Falls überhaupt genügend scharf gesehen wurde. Hierzu braucht man philosophisches Wissen über Macht und Verantwortung.

Was bedeutet das für Entscheidungsträger?

Bachmann: Als Führungskraft muss man sich philosophisches Wissen aneignen. Ohne solches Wissen ist man den heutigen Anforderungen nicht mehr gewachsen. Es genügt nicht, sich auf bisherige Erfolge zu berufen. Es genügt nicht, sich etwas auf den gesunden Menschenverstand einzubilden. Und die in Business Schools vermittelten Managementmodelle genügen schon lange nicht mehr. Auch das neu konzipierte Managementverständnis einer «good governance» bleibt leer, weil es über ein Denken in Checklisten nicht hinauskommt. Nach der Checkliste der internen Vorschriften wäre der Fall Hildebrand tatsächlich abzuhaken gewesen. Immaterielle Werte wie Reputation und Vertrauen, persönliche Glaubwürdigkeit und Engagement, das über persönliche Interessen hinausgeht, wären dagegen die relevanten Kriterien für «good governance». In diesem Sinne muss das herkömmliche Managementdenken durch philosophisches Denken ergänzt werden.

Ist Philosophie unter Zeit- und Erfolgsdruck nicht ein Luxus?

Bachmann: Ein Sprichwort gibt die Antwort: Der Fisch stinkt zuerst am Kopf. Versäumnisse auf der Ebene derjenigen, die entscheiden, rächen sich. Auch hier liefert der Fall Hildebrand Anschauungsmaterial. Wer Führungsverantwortung und Entscheidungsmacht übertragen erhält, muss sich genug Zeit nehmen, seine Aufgaben, seine Ziele und seine Entscheide zu reflektieren. Es nicht zu tun, wäre fahrlässig. Ich möchte die Frage umkehren: Wer kann es sich heute noch leisten, auf Reflexion zu verzichten? Wer sich philosophisches Wissen aneignet, positioniert sich nicht nur viel stärker gegenüber den wachsenden Unsicherheiten, sondern eignet sich Instrumente an, sein Selbstverständnis zu verbessern, es mit den gesellschaftlichen Realitäten und seinen eigenen Idealen abzugleichen und dies professionell umzusetzen. Er wird unter Zeit- und Erfolgsdruck souveräner agieren als vorher. Das bestätigen die Absolventen und Absolventinnen unseres Studiengangs: Unternehmer, Direktoren, strategische Berater – allesamt erfahrene Persönlichkeiten, die unter grossem Entscheidungsdruck stehen.

Was genau bietet der Studiengang?

Bachmann: Der MAS «Philosophie und Management» ist nicht nur innovativ und einzigartig, er ist auch exklusiv gegenüber den üblichen Managementprogrammen. Von der HSG bis Harvard wird überall Managementwissen gelehrt, das delegierbares Wissen darstellt. Finanzmathematik und Strategiemethodik kann man an den eigenen Stab delegieren. Entscheidend ist aber vielmehr dasjenige Wissen, das nicht delegierbar ist: die Fähigkeit, sich auch aufgrund widersprüchlicher Informationen eine klare Meinung zu bilden, Muster zu erkennen, hinter jeder Option noch weitere Alternativen zu sehen, glasklar zu sprechen und Präzision einzufordern, die eigenen Ziele zu überprüfen, neue Denkmöglichkeiten zu entwickeln, sich selbst zu steuern und Vertrauen zu schaffen. Dieses Wissen wird in thematischen Modulen vermittelt, in denen die Teilnehmer philosophische Problemlösungen für ihr eigenes Unternehmen, für ihre täglichen Aufgaben und für ihre berufliche Zukunft erarbeiten.


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