25. Juli 2011, NZZexecutive
«Viele Menschen haben Angst vor der Stille»
In Beruf und Alltag stehen wir ständig unter «Strom».
René Gander ist psychologischer Astrologe sowie Gesundheits- und Lebensberater, Monika Zihlmann ist Feng-Shui-Beraterin und Lehrerin für Technisches Gestalten und Hauswirtschaft. Sie führen gemeinsam in Beckenried das Geschäft Lebensart und bieten unter anderem Persönlichkeits- und Laufbahnberatungen an. Raumgestaltung und Ernährung gehören ebenso zu ihren Fachgebieten.
Neue Luzerner Zeitung / Andy Waldis
René Gander, Bewegung ist grundsätzlich gut, und berufliches Engagement bringt Menschen weiter. Auch Stress ist bekanntlich nicht nur schlecht. Sie empfehlen, wir sollten uns mehr mit uns selbst beschäftigen und unser Leben entschleunigen. Ist das nicht egoistisch?
René Gander: Für mich bedeutet Egoismus, sich auf Kosten anderer Vorteile zu verschaffen und stur seine Interessen durchzusetzen. Doch sich selbst für wichtig zu nehmen, hat nichts mit Egoismus, sondern mit Selbstliebe zu tun. Zur Erziehung zu einem «guten Menschen» gehört bei uns, sich erst um andere zu kümmern und sich selbst zurückzunehmen. Doch wer nicht gut für sich selbst sorgt, der wird mit der Zeit zur Belastung für seine Mitmenschen. So verfolgen wir unbewusst die Strategie «viel tun – dann viel haben – dann viel sein» und sind trotzdem nicht erfüllt und glücklich. Jeder Mensch unterliegt einem Rhythmus zwischen Anspannung und Entspannung, Druck und Entlastung. Daher propagiere ich, das Leben zu entschleunigen.
Arbeit macht auch Spass und ist ein wesentlicher Lebensinhalt. Sich ambitioniert im Job zu engagieren, hat sicher nicht zwangsläufig ein Burn-out zur Folge, sondern diese Erkrankung ist eine Ausnahme, die relativ selten vorkommt?
Gander: Eine Arbeit zu finden und auszuüben, in der man seine Talente einbringen und alleine oder in einer Gemeinschaft etwas Sinnvolles erschaffen kann, gehört zu den Aufgaben jedes Menschen. Vielen macht die Arbeit aber keine Freude mehr, nicht wenigen scheint schon der Gedanke absurd, Arbeit könne Spass machen. Ihr Befinden ist häufig von Lustlosigkeit und Frust geprägt. Ein grosser Teil der Bevölkerung fühlt sich innerlich leer und ausgebrannt, weil sie sich all die Jahre nicht für sich, sondern für fremde Ziele und den äusseren Erfolg eingesetzt haben. Sie verdrängen ihre Schwächen und Schmerzen und halten durch, bis der Körper und/oder Psyche sie flachlegen. Mit einem Burn-out-Syndrom oder einer Depression signalisiert uns die Seele über den Körper ein verzweifeltes «Stopp, jetzt reichts!». Auf diese Weise werden wir gezwungen, aus der Tretmühle auszusteigen und uns endlich unserem Innenleben zuzuwenden.
Kann eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung, zum Beispiel Sport, präventiv wirken?
Gander: Viele Menschen haben Angst vor Stille und Alleinsein, da sie mit sich selbst wenig anfangen können. Deshalb sind Aktivitäten wie häufig betriebener Sport meist willkommene Ablenkungen vom Innenleben. Das unbewusste Motiv vieler Sportler ist der Versuch, über das intensive Körpergefühl unangenehmen Gefühlen davonzulaufen.
Was ist daran falsch?
Gander: Wir leben ungesund, wenn wir uns tagsüber schinden und keinen Kontakt zu unserem Körper haben und glauben, abends mit Sport unser schlechtes Gewissen beruhigen zu können. Gesundheit und Beweglichkeit des Körpers werden aber zuallererst von der Gesundheit, Klarheit und Beweglichkeit des Geistes in uns bestimmt! Daher rate ich allen: Bewegt euch, aber bewegt euch auch geistig und bleibt nicht nur beim Sport hängen!
Monika Zihlmann, beeinflusst auch die Art, wie wir wohnen, das erwähnte «Tretmühlengefühl»? Was kann zum Beispiel Feng-Shui Wesentliches zu unserem Wohlbefinden beitragen?
Monika Zihlmann: Viele Leute mieten oder kaufen, sobald sie es sich halbwegs leisten können, grosse Wohnungen oder Häuser und schaffen sich teure Einrichtungen an. Jeder Raum hält uns aber auf Trab: mit Putzen, Reparieren, Einrichten und natürlich damit, das zusätzliche Geld für Kaufpreis oder Miete zu beschaffen. Geborgenheit und Lebensqualität in der Wohnung muss aber nicht teuer sein. Ein einfacher Grundriss kommt billiger als abgeschrägte Räume mit Dacherkern, gelbe Farbe an der Wand kostet gleich viel wie weisse oder ein Ikea-Massivholzmöbel aus natürlichem, ökologisch vertretbarem Material kann genauso zweckmässig sein wie teure Designermöbel.
Worauf sollte bei der Wohnungseinrichtung geachtet werden, damit der Raum Entspannung bieten kann?
Zihlmann: Unsere Räume wirken auf unser Leben ein. Das unordentliche Zimmer eines Teenagers widerspiegelt sein inneres Chaos während dieser schwierigen Lebensphase. Auch bei uns Erwachsenen sind Entrümpeln, Ordnen, Saubermachen und regelmässiges Lüften die ersten Schritte zu innerer Ruhe. Jedes herumliegende Buch, jede Rechnung, jedes Bild, alles ist Energie. Je chaotischer und unaufgeräumter der Schreibtisch ist, umso schwerer fällt uns konzentriertes Arbeiten.
Was schlagen Sie vor?
Zihlmann: Wichtig ist, dass ich mich nur mit Dingen umgebe, die ich liebe! Weniger wäre da oft mehr. Ein harmonisches, auf die Bewohner abgestimmtes Gestaltungskonzept und die passende Platzierung der Möbel können eine entspannte Atmosphäre in den Raum bringen. Farben, Formen, Materialien, Licht und diverse Hilfsmittel sind auf jeden Einrichtungsstil anwendbar.
Copyright © Neue Zürcher Zeitung AG
Alle Rechte vorbehalten. Eine Weiterverarbeitung, Wiederveröffentlichung oder dauerhafte Speicherung zu gewerblichen oder anderen Zwecken ohne vorherige ausdrückliche Erlaubnis von NZZ Online ist nicht gestattet.
Diesen Artikel finden Sie auf NZZ Online unter:
http://news.nzzexecutive.ch/arbeitsmarkt/uebersicht/in_beruf_und_alltag_stehen_wir_staendig_unter_strom_1.11614736.html













Senior Entwicklungs-ingenieur
Wenn Sie diesen Artikel kommentieren möchten, melden Sie sich bitte mit Ihrem MyNZZ-Benutzernamen an. Diese Funktion ist an Wochenenden und Feiertagen gesperrt.