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2. Dezember 2011, NZZexecutive

«Gehirndoping wird bald zum Alltag gehören»

Wie werden wir im Jahr 2020 leben, und welche Wirtschaftszweige stillen dann unsere Bedürfnisse?

Sven Gabor Janszky, 38, hat Journalismus und Politikwissenschaft studiert. Der Trendforscher hält Vorträge über die Zukunft und leitet Innovations-Workshops. Zoom

Sven Gabor Janszky, 38, hat Journalismus und Politikwissenschaft studiert. Der Trendforscher hält Vorträge über die Zukunft und leitet Innovations-Workshops.

Interview Mathias Morgenthaler

Sven Gabor Janszky, Sie bezeichnen sich als «Deutschlands innovativsten Trendforscher», in Zürich am Swiss Leadership Forum wurden Sie sogar als «einer der weltweit bedeutendsten Trendforscher» begrüsst. Woher wissen Sie so genau, dass Sie besser sind als Ihre Berufskollegen?

Sven Gabor Janszky: (lacht) Das mit der weltweiten Bedeutung haben sich die Organisatoren hier in Zürich ausgedacht, dafür kann ich nichts. Die Bezeichnung «Deutschlands innovativster Trendforscher» habe ich in einer Zeitung gelesen und – weil sie mir ganz gut gefiel – übernommen. Es gibt natürlich keine offiziellen Ranglisten. Die Trendforschung hat im deutschsprachigen Raum vor rund 25 Jahren den Durchbruch geschafft. Die Pioniere der ersten Stunde, Matthias Horx, Peter Wippermann, Horst Opaschowski und David Bosshart, sind heute nicht mehr so dominant, es gibt also ein offenes Feld für junge Trendforscher, die etwas zu sagen haben.

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Worin besteht eigentlich der Nutzen der Trendforschung? Böse Zungen behaupten, ein Trendforscher blättere Zeitschriften durch und verkünde dann die regelmässig wiederkehrenden Themen als neue Megatrends.

Der schlechte Ruf beruht weitgehend auf einem Missverständnis. Manche Leute hoffen, dass wir ihnen die Zukunft vorhersagen. Diese Hoffnungen muss ich enttäuschen. Ich sehe meine Hauptaufgabe darin, Menschen zu inspirieren.

Geht es ein bisschen konkreter? Wie arbeiten Sie?

Ich analysiere mit meinem Team, in welche Technologien die wichtigsten Unternehmen investieren. Damit beschreiten wir den konservativen Weg, das hat nichts mit Science-Fiction zu tun. Folgenschwere Innovationen kommen ja nicht in die Welt, weil sie gut sind für die Gesellschaft, sondern weil sie von grossen Unternehmen getrieben werden. Sprachsteuerung für Mobiltelefon zum Beispiel gibt es schon seit Ewigkeiten, aber wenn Apple nun voll auf diese Karte setzt, wird sich das sehr rasch in unserem Alltag etablieren. Wir erstellen aufgrund der Investitionsentscheide der grossen Player Prognosen, wie sich ein Markt verändern wird, wenn keine unvorhergesehenen Ereignisse eintreten. Unsere Kunden erfahren von uns, wie sich ihr Umfeld ohne ihr Zutun wandeln wird, und weiter, wie sie sinnvolle Massnahmen ergreifen können. Daher sprach ich von Inspiration.

Konkret heisst das: Hätte Nokia auf Sie gehört, hätten die Finnen den Anschluss im Mobiltelefonie-Markt nicht verpasst?

Das Beispiel Nokia zeigt, wie schnell man als Marktleader in Bedrängnis kommt, wenn man eine wichtige Welle verpasst – in diesem Fall die schnell wachsende Bedeutung von Touchscreens. Ich bin allerdings der Meinung, dass Nokia viel stärker ist, als die Medien uns glauben lassen. Das Konsortium Nokia/Microsoft/Skype ist eines der meistunterschätzten Technologieunternehmen; es ist gut möglich, dass sie bei der nächsten Welle wieder ganz vorne dabei sind. Für grosse Unternehmen ist es eminent wichtig, keinen Trend zu verschlafen. Oder wie der Chef-Trendforscher des Volkswagen-Konzerns neulich zu mir sagte: «Wir müssen unsere Führungskräfte lehren, in verschiedenen Zukünften zu denken.»

Ihr jüngstes Buch trägt den Titel «2020 – so leben wir in der Zukunft». Das klingt nun doch verdächtig nach Glaskugel und Zeitreise.

Ich fasse darin zusammen, was ich aus den jährlichen Treffen mit den wichtigsten Innovationsmanagern ableiten kann. Grosse Veränderungen stehen uns insbesondere dort bevor, wo Branchen verschmelzen – etwa im Gesundheitswesen oder in der Informationstechnologie. Unser Gesundheitswesen ist heute primär ein kuratives System: Die Menschen werden krank, dann werden sie mit Medikamenten behandelt und hoffentlich geheilt. Dieser Ansatz wird 2020 nicht mehr im Vordergrund stehen. Derzeit werden Milliarden in die Entwicklung von Wirkstoffen gepumpt, die uns leistungsfähiger und weniger anfällig für Krankheiten machen sollen. Mehr und mehr setzt sich das Bewusstsein durch: Unser Körper ist keine feste Grösse, sondern es ist möglich und sogar notwendig, ihn laufend zu optimieren. Was sich heute in den Wachstumsraten der Schönheitschirurgie bereits andeutet, ist erst der Anfang. Wenn die Körperoptimierung zur dringlichen Aufgabe wird, dann gehören Body- und Hirndoping bald zum Alltag.

Sie haben während Ihres Referats am Swiss Leadership Forum Müsterchen verteilt, die sich zum Gehirndoping eignen: eine Ampulle «Activebrain», welche die Wirkstoffe Taurin, Guarana, Ginseng, L-Carnitin und Mate sowie einen Vitamincocktail enthält, und Schokolade zum Inhalieren, die direkt vom Mund ins Gehirn geht, ohne die Hüfte zu beeinträchtigen. Greifen Sie vor Ihren Referaten selber zum Doping?

Ich habe tatsächlich meine Mittelchen, auf die ich zurückgreifen kann, wenn ich darauf angewiesen bin, dass das Gehirn schneller und besser arbeitet. Dank dem Fortschritt der bildgebenden Verfahren in der Neurologie wissen wir, dass unser Gehirn bei anspruchsvollen Denk- und Lernprozessen verstärkt den Botenstoff Dopamin ausschüttet. Im Umkehrschluss gilt: Wer die Dopaminproduktion ankurbeln kann, steigert die Leistungsfähigkeit des Gehirns markant. In der Zeitschrift «Nature» sind die Ergebnisse publiziert – und dort kann man auch nachlesen, dass rund ein Fünftel der College-Studenten in den USA schon heute auf Gehirndoping setzt, um besser lernen zu können.

Wird Gehirndoping also zur Massenbewegung?

Janszky: Ja, und zwar als Bestandteil der normalen Nahrung. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung schätzt, dass bereits 2015 die Hälfte unserer Nahrungsmittel Functional Food sein wird – also Produkte, die uns versprechen, wir würden durch den Konsum schöner, gesünder oder leistungsfähiger. Die Ausweitung des Body- und Brain-Dopings dagegen wird die Ernährungs- und Getränkebranche ebenso tief greifend verändern wie die Medizin, Pharma- und Kosmetikbranche sowie Fitness- und Reiseanbieter.


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