Direkte Links und Access Keys:

29. August 2011, NZZexecutive

«Panik kann Balsam sein für unser Gehirn»

Als Finanzanalyst und Hedge-Funds-Manager litt Jürg Conzett mit den Märkten,

Jürgen Conzett Finanzanalyst und Hedge-Funds Manager und Leiter Money-Museum in Zürich Zoom

Jürgen Conzett Finanzanalyst und Hedge-Funds Manager und Leiter Money-Museum in Zürich

Mathias Morgenthaler

Jürg Conzett, Dollar und Euro haben in letzter Zeit im Vergleich zum Schweizer Franken an Wert verloren, alle wichtigen Aktienindizes sind getaucht. Macht Ihnen diese Entwicklung Angst?

Jürg Conzett: Ich habe früher in Japan gewohnt und erinnere mich: Wir wussten um die Erdbebengefahr, aber wenn dann die Wände zitterten, fürchteten wir uns doch so, als träfe uns alles ganz unvorbereitet. Ähnlich geht es mir jetzt. Es war mir längst klar, dass unser Geldsystem und damit unsere Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttert werden würde. Nun zeigt sich aber das ganze Ausmass der Krise, und ich gebe zu: Das macht Angst. Entscheidend ist jetzt die Frage, ob wir die Angst verdrängen und so tun, als handle es sich nur um einen Betriebsunfall, oder ob wir die Angst nutzen.

Anzeige:

Vielleicht müsste man – mit Blick auf die Börse – eher von Panik reden als von Angst. Panik ist selten ein guter Ratgeber.

Zumindest hat sie keinen guten Ruf. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Panik Balsam für das Gehirn sein kann. Wenn wir Adrenalin ausschütten, wird unser Gehirn gewaschen. Wir funktionieren nicht mehr richtig, verstehen nichts mehr – und sind danach neue Menschen.

Sprechen Sie aus Erfahrung?

O ja, ich habe am Markt heftige Panikattacken erlebt. Nachdem ich bei verschiedenen Banken als Analyst gearbeitet hatte, machte ich mich als Hedge-Funds-Manager selbstständig. Eine Weile lief das sehr gut, doch dann merkte ich schlagartig, dass ich mich nicht mehr auf meine Methoden verlassen konnte – ich fuhr mit vollem Tempo gegen die Wand. Es entzieht einem den Boden. Mein Urgrossvater und ein Kollege haben sich in ähnlichen Situationen das Leben genommen.

Wie kommen Sie also dazu, zu sagen, Panik sei Balsam fürs Gehirn?

Wenn man es aushält, tagelang ein Nichts zu sein und keinen Weg zu sehen, spürt man irgendwann die reinigende Wirkung. Nach meinen schlimmsten Niederlagen kam jeweils die beste Zeit. Da war ich komplett offen, sah die Dinge wie zum ersten Mal, erkannte neue Zusammenhänge.

Beobachten Sie einen ähnlichen Lerneffekt auch bei den Politikern und Managern, die heute an der Macht sind?

Leider nicht, nein. Einige Banker haben sich angewöhnt, ihre Kunden als Beute zu betrachten, als Renditeobjekte. Die Chance, dass ein Kunde 2 Prozent Rendite einbringt, ist am grössten, wenn man ihm komplizierte Produkte verkauft, die weder der Kundenberater noch der Kunde richtig verstehen. Manche Politiker interessieren sich hauptsächlich für ihre Wiederwahl und profilieren sich daher durch unrealistische Versprechen an die Wähler – ohne jede Sorge um die langfristigen Konsequenzen. Beide, Banker und Politiker, haben ihrer Klientel versprochen: Ihr bekommt etwas, ohne etwas zu geben. Und nun stellen wir fest, wie schwierig solche Glaubenssätze zu ändern sind und wie folgenschwer der dahinterliegende Irrtum war. Wir haben Schulden gemacht in einem Ausmass, das jeden Zorn der jungen Generation verständlich macht. Es gibt viele Enttäuschte, die nun ein Ventil für ihre Wut suchen, wie kürzlich in London.

Sie sind auch als Berater in der Vermögensverwaltung tätig. Was raten Sie verunsicherten Anlegern?

Erst einmal sage ich ihnen: «Sie bringen mir Geld, das Sie nicht brauchen, und wollen damit auch noch Geld verdienen?» Wer nicht weiss, was er mit seinem Geld anfangen will, wird es verlieren. Es ist furchtbar, eine Aktie zu halten, bloss weil man denkt, ihr Kurs werde steigen. Geld ist nicht einfach ein Objekt, es ist ein Energieprinzip. Und es lässt sich nie ganz vom Menschen trennen. Sein emotionaler Bezug zum Geld zieht positive oder negative Energie nach sich.

Das war jetzt kein sehr konkreter Anlagevorschlag.

Ich wollte damit nur sagen: Geld zu horten, halte ich für eine moderne Sünde. Geld zu sparen für einen höheren Zweck, ist eine Tugend. Ich habe das Geld, das ich verdiente, immer in Projekte, eigene und fremde, investiert. Und ich hatte glücklicherweise immer mehr Ideen als Geld. Deswegen sage ich: Es ist die erste Pflicht jedes Anlegers, sich bewusst zu machen, für was er Rendite machen will. Der konkrete Anlagevorschlag für die nächsten Monate ist simpel: Schweizer Franken auf einer sicheren Schweizer Bank liquide halten. Bis in 12 oder 18 Monaten sollten Sie herausgefunden haben, was Sie mit dem Geld machen wollen – es gibt ja in Umbruchphasen immer gewaltige Chancen.

Wie wurden Sie eigentlich vom Hedge-Funds-Manager zum Gründer und Leiter des Money- Museums in Zürich?

Seit meiner Studienzeit treibt mich die Frage um, wie Menschen mit Geld umgehen, was Geld für sie bedeutet. Seit 15 Jahren sammle ich Geldgeheimnisse, seit 10 Jahren führe ich Geldtypen-Tests durch. Der Typ Dagobert Duck, der Geld hortet und darin unglücklich stirbt, kommt sieben Mal häufiger vor als der Typ Hans im Glück, der das Geld als Motor für seine Leidenschaften einsetzt.


Copyright © Neue Zürcher Zeitung AG
Alle Rechte vorbehalten. Eine Weiterverarbeitung, Wiederveröffentlichung oder dauerhafte Speicherung zu gewerblichen oder anderen Zwecken ohne vorherige ausdrückliche Erlaubnis von NZZ Online ist nicht gestattet.

Keine Leserkommentare

 

Wenn Sie diesen Artikel kommentieren möchten, melden Sie sich bitte mit Ihrem MyNZZ-Benutzernamen an. Diese Funktion ist an Wochenenden und Feiertagen gesperrt.

Artikel weiterleiten

«Panik kann Balsam sein für unser Gehirn»

Als Finanzanalyst und Hedge-Funds-Manager litt Jürg Conzett mit den Märkten,

als Leiter des Money-Museums in Zürich sammelt er Geldgeheimnisse....

Artikel versenden als E-Mail:

Sie müssen in Ihrem Browser Cookies aktivieren, um dieses Formular zu verwenden.

Sicherheitscode

Bitte übertragen Sie den Sicherheitscode in das folgende Feld:

* Pflichtfeld

NZZexecutive: Jobsuche

Stellen für Kader und Fachspezialisten

Hier die Angebote aus Print und Online abrufen.


Stichwort: 

NZZ-Korrespondentenwelt: Schweden

Arbeiten in Schweden - Von der Schwierigkeit, nicht in Pension zu gehen

Berufswelt: Weintechnologe

Arbeitskraft: Die Garderobe