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15. August 2011, NZZexecutive

«Eine Vision verleiht dem Leben Sinn»

Den Blick nach vorne zu richten hilft, Rückschläge zu verkraften.

Wo soll es hingehen? Visionen können helfen, den Weg in die Zukunft zu weisen. (Bild: Pd)Zoom

Wo soll es hingehen? Visionen können helfen, den Weg in die Zukunft zu weisen. (Bild: Pd)

Neue Luzerner Zeitung / Mathias Morgenthaler

Martin Bertsch, Sie betreiben ein Visionshaus und eine Visionsschmiede und organisieren Visionstagungen. Ist Ihnen entgangen, dass Helmut Schmidt festgehalten hat, für Menschen mit Visionen sei der Arzt die einzig richtige Adresse.

Martin Bertsch: Nein, ich kenne diesen Spruch natürlich, aber ich sehe es genau umgekehrt: Wer keine Visionen hat, sollte zum Arzt gehen. Visionslosigkeit steht am Anfang vieler Krankheiten – gerade Depressionen und Burn-outs sind oft darauf zurückzuführen. Eine starke Vision ist hingegen ein «Burn-in-Faktor» – sie beflügelt uns, gibt uns Schub, fokussiert unsere Kräfte und schützt uns vor dem Ausbrennen. Eine Vision verleiht dem Leben Sinn. Und Sinn erzeugt Stärke.

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Wie kam es dazu, dass Sie sich auf das Thema Visionen spezialisierten?

Als Coach und Casemanager hatte ich immer wieder mit Menschen zu tun, die nach Rückschlägen ins Erwerbsleben zurückzukehren versuchten. Manche von ihnen waren in sehr schwierigen Situationen: Job weg, Frau weg, alles tut weh - was kann man da tun? Ich half diesen Leuten, sich ganz auf die Frage zu konzentrieren: «Wo will ich hin?» Das braucht Disziplin, denn es ist in solchen Momenten naheliegend, sich exzessiv mit den vielen Problemen zu beschäftigen. Wenn man es aber schafft, den Blick nach vorne zu richten und aus sich heraus einen Entwurf für die Zukunft zu schaffen, erwächst daraus eine enorme Tatkraft. Man identifiziert sich dann nicht länger mit seinen Problemen, sondern konzentriert sich auf den Fixstern, der einen leitet.

Ist das nicht ein wirklichkeitsfremdes Vorgehen? Wer zu sehr auf seine Vision fixiert ist, verliert die Welt aus den Augen.

Es braucht nach meiner Erfahrung beides: den Fixstern, der die Richtung vorgibt, und die Offenheit, seine Vision auch immer wieder anzupassen. Visionen sind nichts Statisches, sondern etwas, das sich dynamisch entfaltet. Es ist ein Teil der Visionsarbeit, Sehnsüchte und Zielvorstellungen zu klären, und es kann hilfreich sein, dies zu visualisieren. Entscheidend ist aber, seine Vision zu leben. Mein Ansatz fokussiert darauf, Visionen durch das Tun direkt umzusetzen. Das bringt auch Veränderung mit sich, die Menschen gehen dabei in ihre Widerstände hinein und überwinden blockierende Ängste.

Wie gehen Sie konkret vor?

Es ist wichtig, dass Menschen in Umbruchphasen aus ihrer eigenen Quelle schöpfen. Ich frage meine Kunden oft: «Wo würden Sie in ein paar Jahren beruflich stehen, wenn Sie alle Möglichkeiten der Welt hätten?» Herr M. äusserte als Berufsvision: «Autorennfahrer». Anstatt die Hände zu verwerfen und an die Vernunft zu appellieren, nahm ich dieses Zielbild ernst und fragte nach: «Was macht Ihnen an Autorennen Spass, was ist der Treiber?» In diesem Fall war es das Element der Kraft, nicht die Schnelligkeit, der Wettkampf oder der Glamour. Als Baggerfahrer konnte er dann auf seine Weise die Pferdestärken bändigen und den Wesenskern seiner Vision verwirklichen.

Sie haben auf private Kosten das Projekt «Visionshaus Ringgenberg» am Brienzersee realisiert. Was war massgebend? Eine Vision, ein Businessplan oder eine spontane Aktion?

Ich nähre meine Projekte nicht aus einer sicheren Finanzquelle, sondern aus meiner Passion heraus. Die Worte von Shitu U Thant, dem burmesischen Generalsekretär der UNO in den Sechzigerjahren, beeindrucken mich sehr. Er sagte: «Entscheidungen haben sich nicht mehr nach vorhandenen Mitteln zu richten, sondern die Mittel werden durch Entscheidungen geschaffen.» Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sehr viel möglich ist, auch wenn man anfänglich kein Geld hat. Als meine Frau arbeitslos und mit unserem zweiten Kind schwanger war und ich als Student nur ein geringes Einkommen erzielte, sah ich auf einer Halbinsel mein Traumhaus und wusste im gleichen Moment: Da werden wir wohnen. Objektiv aussichtslos, aber innerlich hatte ich entschieden. Ein paar Tage später erzählte mir eine Kollegin, sie habe eine grosse Erbschaft gemacht und wolle das Geld nicht auf einem Bankkonto ruhen lassen. Sie lieh uns das Geld für unser Haus.

Also doch: Ein starker Wunsch verändert die Realität.

Es war nicht nur ein Wunsch, sondern ich bin meiner Passion gefolgt. Nun haben wir das Haus verkauft und den Erlös in den Bau des Visionshauses Ringgenberg investiert. Im Moment wird es vor allem als Ferienhaus und für externe Kurse genutzt. In fünf bis zehn Jahren soll es ein richtiges Visionshaus sein, wo permanent Menschen in heterogenen Gruppen an ihren Visionen und der Umsetzung derselben arbeiten. Es ist eindrücklich, zu sehen, wie effizient bunt zusammengewürfelte Gruppen arbeiten, wenn sie eine positive Grundhaltung teilen. Ab einer gewissen Gruppengrösse findet jeder Teilnehmer andere, die ihm ganz konkret weiterhelfen können. Die Werbetexterin in der persönlichen Krise findet die Therapeutin, die ihrerseits Hilfe beim Texten des Flyers braucht. Solche und ähnliche Beispiele erzeugen eine enorme Effizienz und sind für alle Beteiligten eine starke Ermutigung. Diese Dynamik ist die Grundlage der Erfolgsteams. Ich bin sicher: Die Welt sähe ganz anders aus, wenn jeder so ein Erfolgsteam hinter sich hätte.

Martin Bertsch ist dipl. Primarlehrer und hat sich als Coach BSO, Sozialarbeiter FH, psychologischer Berater und Therapeut IKP weitergebildet. Heute ist er Coach mit den Schwerpunkten Beruf und Business, Gesundheit und Lebensgestaltung.


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Starke Visionen sollen dabei beflügeln....

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