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12. Juli 2010, NZZexecutive

«Die Zeit der Supermänner läuft ab»

Für mehr Zusammenarbeit statt zerstörerischer Konkurrenz

Die Psychologin Dr. phil. Anna Gamma ist seit 2003 Geschäftsleiterin des Lassalle-Instituts in Edlibach im Kanton Zug. (Bild: Stefan Kaiser)Zoom

Die Psychologin Dr. phil. Anna Gamma ist seit 2003 Geschäftsleiterin des Lassalle-Instituts in Edlibach im Kanton Zug. (Bild: Stefan Kaiser)

Neue Luzerner Zeitung / Mathias Morgenthaler

Anna Gamma, als Geschäftsleiterin des Lassalle-Instituts stehen Sie in regelmässigem Austausch mit Führungskräften, die sich für mehr als Marktanteile und Rendite interessieren. Welche Signale erhalten Sie derzeit aus den Chefetagen.
Anna Gamma: Ich spüre eine grosse Verunsicherung. Viele Entscheidungsträger sind sich in den letzten zwei Jahren bewusst geworden, dass wir als Gesellschaft nicht so weitermachen dürfen. Auch wenn die grosse Katastrophe bislang abgewendet werden konnte, ist klar: Wenn wir an dieser Art des Wirtschaftens festhalten, führt das in den Ruin. Man kann nicht auf Dauer Wertschöpfung ohne Wertschätzung erreichen. Die Rechnung geht nicht auf, wenn die Gewinne privatisiert, Verluste aber sozialisiert werden.

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Was ist grundlegend schiefgelaufen in den letzten Jahren?
Was wir hier erlebt haben, ist nichts grundsätzlich Neues, sondern der traurige Höhepunkt einer Fehlentwicklung, die viel älter ist. Wir spüren heute die Konsequenzen eines unreflektierten darwinistischen Welt- und Menschenbildes, das sich auf den einfachen Nenner bringen lässt: «Nur die stärksten und rücksichtslosesten Kämpfer überleben.»
Sie sprechen gerne von «Kooperation statt Konkurrenz». Möchten Sie den Wettbewerb abschaffen?
Nein, Wettbewerb ist nicht grundsätzlich schlecht, er hilft, dass sich Individuen und Unternehmen in Richtung Einzigartigkeit entwickeln. Wettbewerb bloss um des Wettbewerbs willen aber ist schädlich. Es braucht Ergänzungen, Korrektive – durch die Teilnehmer selber oder durch Regulatoren.
Nationale Regierungen haben gegen global tätige Konzerne einen schweren Stand. Sie plädieren deshalb seit längerem für eine Art Weltregierung.
Wir verfolgen diese Idee tatsächlich seit 15 Jahren. Die wirtschaftlich-technologische Globalisierung braucht ein entsprechendes global-politisches Ordnungssystem. Das föderalistische Modell der Schweiz könnte dabei als Vorbild dienen.
In der Schweiz findet sich nicht einmal für einen EU-Beitritt eine Mehrheit. Wie soll da eine Weltregierung akzeptiert werden?
Manche Dinge muss man weiterhin kleinräumig regeln, andere verlangen nach globaler Kooperation. Heute dominiert eine von Gier getriebene Geldwirtschaft, die nicht mehr steuerbar ist. Wenn die grossen Unternehmen sich nicht wieder an Grundwerten wie Solidarität oder Gerechtigkeit orientieren, richten sie gigantischen Schaden an. Nobelpreisträger Muhammad Yunus schlägt zum Beispiel vor, dass Unternehmen nicht mehr als 5 Prozent Rendite für sich beanspruchen dürfen – alles darüber wird für soziale und ökologisch-gesellschaftliche Projekte eingesetzt.
Das klingt ziemlich utopisch.
Grosse Ideen klingen zunächst immer utopisch. Es wäre jedenfalls gesünder als das heutige System. Ich tausche mich gerne mit Physikern und Neurobiologen aus. Viele von ihnen sagen, dass die heute vorherrschende Wettbewerbsmaxime nicht dem Grundstrom der Evolution entspricht. Der Mensch ist nicht auf Konkurrenz angelegt, sondern auf Kooperation.
Wenn man die starken Figuren der Wirtschaft sprechen hört, zweifelt man daran. Oswald Grübel zum Beispiel will mit der UBS schon bald wieder 15-Milliarden-Gewinne machen wie vor der Krise.
Bei den Banken ist tatsächlich noch kein Umdenken sichtbar geworden – die Troubleshooter, die heute an der Macht sind, sind Vertreter der alten Garde. Sie haben im alten Stil ein paar Pflästerchen angebracht. Nach wie vor dominiert die einseitig logisch-rationale Sicht, die Führung über Kennzahlen, Quartalsabschlüsse und Boni.
Wie könnte sich das ändern? Es heisst, Sie seien mit UBS-Verwaltungsratspräsident Kaspar Villiger im Gespräch…
…ja, wir haben tatsächlich einmal länger telefoniert. Herr Villiger hat meiner Analyse zugestimmt, aber er hat keine Entscheidungsbefugnis im operativen Geschäft. Wenn weibliche Qualitäten in der Führung kein grösseres Gewicht erhalten, wird sich nichts Grundlegendes ändern. Es gibt derzeit noch sehr wenige Führungskräfte, die auf ihre Intuition hören und die bei ihren Entscheidungen auch die Folgen für die Umgebung berücksichtigen. Ich kann mir zum Beispiel nicht vorstellen, dass im Vorfeld der Ölkatastrophe niemand ahnte, dass diese Plattform sinken wird. Viele Chefs sagen mir, dass sie ihre Intuition nicht genug ernst nehmen – und irgendwann trifft genau das ein, was sie insgeheim befürchtet hatten.
Und Sie möchten das ändern, indem Sie Manager in Spiritualität schulen?
Es ist ein grosser Unterschied, ob man eine Firma aus einem Mangelgefühl heraus führt oder mit einem Gefühl des inneren Reichtums, der Erfüllung. Zen-Meditation und andere spirituelle Traditionen stehen für den Weg nach innen. Dieser Weg hilft, mit den tieferen Schichten und allem Lebendigen in Berührung zu kommen, in Einklang zu sein mit sich selbst und der Umwelt. Die Zeit der unglücklichen Supermänner im goldenen Käfig läuft zum Glück ab.

Das Lassalle-Institut richtet sich an Führungskräfte in Wirtschaft, Politik und anderen Bereichen der Gesellschaft mit dem Schwerpunkt einer Ethik aus ganzheitlichem Bewusstsein. Durch Seminare, Vorträge, Coaching, Forschung fördert es eine ethisch getragene Wertekultur.

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1 Leserkommentar:
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Markus Stocker (14. Juli 2010, 14:44)
Bitte

Diese Thematik sollte geschlechtsneutral sein und bleiben. Das logisch-rationale hat gleichwenig mit Männlichkeit zu tun wie Intuition mit "weibliche Qualitäten." Ein Frau in der oberen Etage hat das gleiche Potential fuers logisch-rationale wie ein Mann. Dass ein umfassenderes Denken--und entsprechendes Handeln--wuenschenswert ist kann ich nachvollziehen. Es wird aber schwierig, Zen derjenigen schmackhaft zu machen die sich fragt, warum sie als Unternehmensleiterin mehr als 5 Prozent Rendite erziehlen soll wenn der Rest als Steuer gesehen wird.

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