21. Juni 2010, NZZexecutive
«Die höhere Berufsbildung nicht vergessen»
Wie weiter nach der Lehre? Die höhere Berufsbildung bietet viele Perspektiven.
Neue Luzerner Zeitung / Anita Lustenberger
Thomas Habermacher, welche Weiterbildungsmöglichkeiten stehen Interessierten nach der Lehre offen?
Thomas Habermacher: Vor allem die höhere Berufsbildung mit ihrer breiten Palette von Angeboten.
Ist dafür eine Berufsmatura zwingend?
Nein. Der Anschluss an diese Weiterbildung ist allerdings nicht unmittelbar nach der Lehre möglich, weil sie eine mehrjährige Berufspraxis im entsprechenden Berufsfeld voraussetzt.
Welche konkreten Möglichkeiten bieten sich Berufsleuten, ihre Karriere im Nicht-Hochschulbereich zu planen?
Studierenden der höheren Berufsbildung stehen zwei Abschlüsse offen: auf der ersten Stufe eine Berufsprüfung mit eidgenössischem Fachausweis, auf der zweiten eine höhere Fachprüfung mit eidgenössischem Diplom. Zudem gibt es die Höheren Fachschulen (HF), die nicht mit den Fachhochschulen zu verwechseln sind.
Wie sieht das Profil einer Berufsprüfung respektive einer höheren Fachprüfung aus?
Berufsprüfungen ermöglichen Berufsleuten eine erste fachliche Vertiefung als Spezialist oder eine fachliche Erweiterung als Generalist. Die höheren Fachprüfungen verfolgen zwei Ziele: Zum einen qualifizieren sie Berufsleute als Expertinnen und Experten in ihrem Berufsfeld. Zum anderen bereiten sie die Absolventinnen und Absolventen auf das Leiten eines Unternehmens vor.
Wie gross ist das Angebot an diesen Bildungsgängen?
Über alle Branchen existieren in der Schweiz rund 210 Berufsprüfungen und 160 höhere Fachprüfungen.
Wie bereiten sich Interessierte auf diese Prüfungen vor?
Zur Vorbereitung auf die eidgenössischen Berufs- und höheren Fachprüfungen führen private Bildungsanbieter, Berufsverbände oder kantonale Berufsfachschulen Bildungsgänge durch. Grundsätzlich ist der Besuch dieser vorbereitenden Bildungsgänge freiwillig. Allerdings zeigt sich in der Praxis, dass ein erfolgreicher Abschluss ohne schulische Vorbereitung kaum gelingt. Der berufsbegleitende Besuch bietet den Vorteil, dass man während des Studiums zu zirka 80 Prozent seiner Erwerbsarbeit nachgehen kann.
Wie lang dauert das genau?
Die Schulen sind in der Gestaltung frei. So unterscheiden sich die Dauer, die Anzahl Lektionen und die Angebotsform (Wochentage, Abend- oder Tagesschule) für den gleichen Abschluss teilweise erheblich. Es lohnt sich deshalb für die Interessierten, sich genau zu informieren, damit sie ein für sich optimales Angebot auswählen. Je nach angestrebtem Fachausweis oder Diplom dauern die Bildungsgänge in der Regel zwischen zwei und vier Semestern. Entsprechend variiert auch das Schulgeld.
Wer kommt für die Kosten auf?
In erster Linie die Studierenden. Die Kantone richten dem durchführenden Bildungsinstitut pro Studierenden Beiträge aus. Zudem unterstützen sehr viele Arbeitgeber und verschiedene verbandseigene Fonds die Weiterbildung ihrer Arbeitnehmenden. Weiter sollten Studierende die Stipendienberechtigung abklären. Leider ist es so, dass die öffentliche Hand für die höhere Berufsbildung mit rund 180 Millionen pro Jahr (2007) sehr viel weniger ausgibt als für die Fachhochschulen und die Universitäten (2007 zirka 6,6 Milliarden). Hier besteht ein Missverhältnis in der Finanzierung.
Wie steht es um die Anerkennung der Berufs- und höheren Fachprüfungen?
Die Abschlüsse (eidg. Fachausweis und eidg. Diplom und das Diplom der Höheren Fachschulen) sind vom Bund anerkannt. In der Wirtschaft sind diese Weiterbildungen dank der klaren Praxisnähe und der hohen Arbeitsmarktfähigkeit der Absolvierenden sehr gefragt. Allerdings kennt man diese Abschlüsse im übrigen Europa nicht, obwohl sie vom Anspruchsniveau mit einem Bachelor oder Master vergleichbar sind.
Zeigen Sie ein konkretes Beispiel auf, wie eine Laufbahn nach der Lehre mit einer Weiterbildung in der höheren Berufsbildung aussehen kann.
Nach der Lehre als Metallbauer und ein paar Jahren Berufserfahrung wollte sich ein Berufsmann kaufmännisch weiterbilden. Deshalb absolvierte er die Berufsprüfung zum Technischen Kaufmann. Während weiteren Praxisjahren stellte er fest, dass ihn das Rechnungswesen sehr interessiert. So absolvierte er eine zweite Berufsprüfung und schloss als Fachmann im Finanz- und Rechnungswesen mit eidgenössischem Fachausweis ab. Heute ist er für das gesamte Finanz- und Rechnungswesen und das Personalmanagement eines KMU verantwortlich.
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Senior Entwicklungs-ingenieur
Kunststofftech.
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