5. Juli 2010, NZZexecutive
«An sich selbst glauben ist wichtiger als Fleiss»
Auch Manager profitieren vom Sportpsychologen.
Neue Luzerner Zeitung / Mathias Morgenthaler
Jörg Wetzel, mittelmässig begabte Fussballer werden oft Schiedsrichter – warum sind Sie Sportpsychologe geworden?
Jörg Wetzel: Ich liebe die Emotionen im Sport – und ich habe als junger Athlet mehrmals erlebt, wie bitter es ist, wenn einem die Emotionen einen Strich durch die Rechnung machen. Ich erinnere mich, wie ich als 22-jähriger Fünfkämpfer bei der Heim-WM kurzfristig ins Team rutschte, weil sich ein stärkerer Athlet verletzt hatte. Ich war komplett überfordert und zeigte einen schlechten Wettkampf. Dank diesem Schlüsselerlebnis wurde mir bewusst, was sich alles abspielen kann zwischen zwei Ohren. Wenn man mental nicht parat ist, kann man sich innert weniger Sekunden um die Früchte von monatelanger Arbeit bringen.
Heute betreuen Sie Teams wie YB oder den SC Bern und Einzelsportler wie den Motorradfahrer Tom Lüthi. Können Sie bei allen Kunden auf ähnliche Arbeitsprinzipien setzen?
Eine der grössten Gefahren in unserem Beruf ist, dass man zum Guru wird. Viele Sportler wünschen sich eine starke Figur, die ihre Zweifel beseitigt und ihnen sagt, was sie tun sollen. Ich sehe meine Rolle anders. Ich arbeite nicht methodenzentriert, sondern mein erstes Anliegen ist immer, die Persönlichkeit und die Situation meines Kunden genau zu erfassen. Zunächst habe ich keine Lösungen, sondern viele Fragen. Dann kann man gemeinsam eine Struktur erarbeiten, die dem Sportler Halt gibt. Ich erwecke nie den Eindruck, dass die Arbeit an der mentalen Stärke ein Wundermittel ist, es ist bloss ein leistungsbestimmender Faktor unter vielen. Allerdings einer, der zum Kippfaktor werden kann. Wenn man im entscheidenden Moment nicht an sich glaubt, dann hilft auch das grösste Talent, die beste Technik und der ausgeprägteste Trainingsfleiss nicht weiter.
Sie betreuen nebst Sportlern auch Manager – was können diese von den Spitzensportlern lernen?
Es braucht in beiden Fällen eine ehrliche Auseinandersetzung auf drei Ebenen: Die erste Ebene beinhaltet die Arbeitsstrategien, die Technik, die Hilfsmittel, die Organisation. Die zweite Ebene setzt beim Umfeld an. Es ist wichtig, hier eine schonungslose Analyse zu machen und sich zu fragen, ob man sich getragen fühlt, ob man sich entfalten kann, welche Ressourcen man hat. Die dritte und wichtigste Ebene beinhaltet die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit. Hier geht es, vereinfacht gesagt, darum, nicht zum Opfer seiner Persönlichkeit zu werden, sondern sich durch kritische Auseinandersetzung, Neugier und Beharrlichkeit weiterzuentwickeln.
Mentale Stärke erreicht nur, wer es schafft, dass diese drei Rädchen ineinandergreifen. Beeindruckend bei erfolgreichen Sportlern ist ihre Fähigkeit, sich ganz auf einen wichtigen Wettkampf zu fokussieren. Kann man dies auf die Bürowelt übertragen?
Es wäre dringend notwendig. Es gibt keine Spitzenleistung ohne Fokussierung. Wer fokussiert sein will, muss vieles ausblenden. Der Arbeitsalltag der meisten Berufstätigen ist geprägt durch pausenlose Unterbrechungen. Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir dauernd gestört werden – von Mails, Telefonanrufen, Kollegen, Vorgesetzten. Es ist ein Irrtum zu glauben, das sei normal und unproblematisch. Es gibt Konzentrations- und Achtsamkeitsübungen, die dabei helfen, man muss sich aber auch resolut abgrenzen und Zeiten definieren, in denen man nicht gestört werden darf. Im Sport eignen sich Athleten sogenannte Abschalt- und Umschaltrituale an. Sie ziehen sich zurück, kapseln sich ab, konzentrieren sich ganz auf die Aufgabe. Es kann hilfreich sein, sich vor herausfordernden beruflichen Situationen auf solche Rituale zu stützen. Das gibt Sicherheit. Wenn man das nicht bewusst pflegt, besteht die Gefahr, dass sich im falschen Moment Störefriede wie Angst und Zweifel melden.
Soll man solche Gefühle ausblenden oder mit plattem positivem Denken zupflastern?
Nein, es ist wichtig, dass man Ängsten und Zweifeln frühzeitig Raum gibt. Kurz vor einem wichtigen Auftritt oder Wettkampf dürfen sie aber keine Macht über uns haben. Durch Gedankenarbeit, exakte Zielformulierungen und Visualisierungstechniken können wir dafür sorgen, dass wir in entscheidenden Momenten positiv fokussiert sind. Gute Sportler, Entertainer oder Manager zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie keine schlechten Tage einziehen, wenn es wirklich darauf ankommt.
Damit sagen Sie auch: Jeder kann seine Stimmung, sein Befinden steuern.
Ja, wir tragen alle die volle Verantwortung für unsere Stimmung – sofern wir gesund sind. Niemand ist seinen Stimmungsschwankungen wehrlos ausgesetzt.
Sie selber sind bestimmt immer gut gelaunt und positiv.
Nein, es gibt durchaus Tage, an denen ich mich antriebslos fühle. Schwankungen erlebt jeder, die entscheidende Frage ist, wie wir damit umgehen. Man kann sich dem ausliefern und mit schlechter Körperhaltung und Jammern den unangenehmen Zustand zementieren. Oder man unternimmt etwas dagegen. Ich persönlich unterbreche die Arbeit, wenn ich mich schlecht fühle. Dann gönne ich mir mehr Bewegung, vielleicht einen Dauerlauf, oder intensiviere meine Entspannungsübungen. Und ich zwinge mich, auf andere Leute zuzugehen, besonders aktiv zu sein. Das kostet zwar Überwindung, hält aber meistens davon ab, in ein tiefes Loch zu fallen.
Jörg Wetzel, 41, ist eidg. dipl. Sportlehrer und lic. phil. Psychologie FSP. Als Spitzensportler war er Mitglied der Nationalmannschaft Militärischer Fünfkampf und sechsfacher Schweizer Meister in dieser Sportart. Er hat die Schweizer Teams in Turin, Peking und Vancouver als Olympiapsychologe betreut.
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