20. Januar 2012, NZZexecutive
«Rolle der Frau ist in Korea sehr traditionell»
Arbeitsmarkt: Claudia Probst

Die 26-jährige Claudia Probst ist Textilbetriebswirtin mit Masterabschluss. Vom elterlichen Modegeschäft in Münsingen BE zog es sie bald in die weite Welt hinaus.
Interview Mathias Morgenthaler
Claudia Probst, Sie haben in 26 Lebensjahren die halbe Welt kennen gelernt und arbeiten neuerdings in Seoul. Wann hat Sie zum ersten Mal das Fernweh gepackt?
Claudia Probst: Während meiner Detailhandelslehre bei einem Modegeschäft in Bern träumte ich davon, ins Ausland zu gehen und andere Sprachen zu lernen. Nach dem Lehrabschluss buchte ich auf eigene Faust eine Australienreise. Mit 19 Jahren verliess ich das Elternhaus und landete in einer schwierigen Gastfamilie in Australien. So lernte ich schnell, selber auf mich zu schauen. Ich lebte mit Brasilianern, Taiwanesen und Japanern zusammen und genoss diese «Multikulti-Gesellschaft» sehr. Obwohl ich in Bern eine Stelle in Aussicht hatte, verlängerte ich den Aufenthalt, bis mein Visum unwiderruflich abgelaufen war.
In den nächsten Jahren arbeiteten Sie in Bern, Zürich und München und bildeten sich in Nagold, New Delhi, Florida, München und Mailand weiter. Liest man Ihren Lebenslauf, so erhält man den Eindruck, Sie hielten es nirgendwo lange aus…
Ich würde es anders formulieren. Ich fand mich im neuen Umfeld jeweils sehr bald zurecht und begriff die Spielregeln rasch. Ich bin aber nicht der Typ, der es sich dann bequem macht – wenn ich weiss, wie es läuft, will ich den nächsten Schritt in Angriff nehmen. Oft ist das nicht möglich im bekannten Umfeld, dann muss man weiterziehen. Ich bin sicher ein ehrgeiziger Mensch – manchmal vielleicht ein bisschen zu ehrgeizig. Und ich bin sehr neugierig darauf, Neues kennen zu lernen. Ich reagiere meistens impulsiv. Wenn mir eine Idee gefällt, dann sage ich: «Ja, das klingt gut, das probiere ich aus.»
War das auch so, als Ihr jetziger Arbeitgeber Sie fragte, ob Sie nach Seoul möchten?
(lacht) In diesem Fall habe ich aus dem Bauch heraus Nein gesagt. Ich hatte im Studium einiges über China und Indien gelernt, aber von Korea wusste ich so gut wie nichts. Mein Chef überzeugte mich schliesslich, mir Seoul zumindest einmal anzusehen. So absolvierte ich einen dreitägigen Crashkurs in Deutschland und flog dann für eine Woche hin. Mein Eindruck war: Das ist gar nicht so extrem anders als in Deutschland oder in der Schweiz. Natürlich fiel mir auf, dass alles um etwa Faktor 20 grösser war – in und um Seoul leben 25 Millionen Menschen. Ich war aber optimistisch, mich rasch zurechtzufinden, und sagte zu.
Jetzt leben und arbeiten Sie seit über fünf Monaten in Seoul – sehen Sie immer noch wenig Unterschiede zu Europa?
O nein, es ist schon eine ganz andere Welt. Das beginnt mit der Sprache und hört mit dem Essen auf. Ich arbeite in einem Team mit 20 Koreanern, und ich bin froh, dass einige Englisch sprechen. Die meisten Koreaner hier sprechen kein Englisch, die Taxifahrer verstehen nicht einmal «Wait» oder «Please». Als Vegetarierin habe ich ein zusätzliches Handicap. Eine Mahlzeit, die weder Fleisch noch Fisch enthält, gilt in Korea nicht als richtige Mahlzeit.
Sie hatten also gute Gründe, rasch Koreanisch zu lernen?
Ja, das ist zum Glück einfacher, als ich dachte – die Sprache baut auch auf Buchstaben auf, die man zu Silben respektive Zeichen zusammensetzt. Inzwischen bin ich so weit, dass ich U-Bahn-Stationen entziffern und Fleischgerichte auf Speisekarten identifizieren kann. Zudem sind die Koreaner sehr hilfsbereit – sie unterstützen mich, so gut es geht, wenn ich verzweifelt vor einer Strassenkarte stehe. Es gibt aber auch kulturelle Barrieren, die nichts mit Sprachproblemen zu tun haben.
Woran denken Sie?
Die Rolle der Frau wird hier noch sehr viel traditioneller gesehen. Als junge, ehrgeizige Frau bin ich für viele Koreaner eine Provokation. In Korea leben Frauen bis zur Hochzeit bei ihren Eltern, danach kümmern sie sich um den Ehemann und dessen Eltern. Mit meinem Tempo und meiner zackigen Art bin ich hier oft gegen die Wand gelaufen. Mir waren manchmal schon die Entscheidungsprozesse in der Schweiz zu langsam, aber in Korea läuft alles nochmals anders – in unseren Augen ineffizienter. Die Koreaner lassen sich sehr viel Zeit für Besprechungen, Reflexion und Sondierungsgespräche. Das Zwischenmenschliche spielt eine sehr wichtige Rolle.
Was ist Ihre Aufgabe in Seoul?
Ich bin hier für ein deutsches Textilunternehmen eine Art Bindeglied zwischen den Märkten Europa und Asien. Einerseits geht es darum, die Erfahrungen und das Wissen aus Deutschland hier in Seoul nutzbar zu machen und die Marktstellung in den asiatischen Märkten auszubauen.
Der Nachteil dürfte sein, dass Sie ein wenig «zwischen den Fronten» stehen.
Ja, das stimmt, das zeigt sich schon in den Arbeitszeiten. Ich beginne hier wie alle anderen um 9 Uhr Lokalzeit. Da wir gegenüber Mitteleuropa acht Stunden voraus sind, ist es bei uns schon 16 Uhr, wenn die Kollegen in München mit der Arbeit beginnen. Das führt zu sehr langen Tagen; die Koreaner sind es ohnehin gewohnt, bis weit in den Abend hinein im Büro zu bleiben. Wenn der Chef spontan um 20 Uhr noch eine Sitzung anberaumt, widerspricht keiner. Konflikte trägt man in Korea niemals offen aus; wenn man in Deutschland «Nein» und in der Schweiz «Eher nicht» sagen würde, sagt man hier allerhöchstens «Maybe». Das ist am Anfang etwas befremdlich, aber man lernt damit umzugehen.
Das klingt, als bliebe keine Zeit für soziale Kontakte neben der Arbeit. Fühlen Sie sich einsam?
Ich kenne noch nicht sehr viele Leute hier, aber dank regelmässigen Telefonaten mit Familie und Freunden zu Hause und einigen Kontakten zu Schweizern und Amerikanern in Seoul vereinsame ich sicher nicht. Seoul ist eine Grossstadt, in der es viel zu entdecken gibt: kulturelle Sehenswürdigkeiten, tolle Architektur und endlos viele nette Cafés. Leider dauert es lange, bis man irgendwo hinkommt, weil es enorm viel Verkehr gibt. Das macht den Alltag auch anstrengend.
Was sind Ihre nächsten Ziele?
Ich bin weiterhin offen für neue Herausforderungen. Und irgendwann möchte ich auch die Schweiz noch besser kennen lernen; je länger ich weg bin, desto mehr schätze ich die typisch schweizerischen Eigenschaften.
Copyright © Neue Zürcher Zeitung AG
Alle Rechte vorbehalten. Eine Weiterverarbeitung, Wiederveröffentlichung oder dauerhafte Speicherung zu gewerblichen oder anderen Zwecken ohne vorherige ausdrückliche Erlaubnis von NZZ Online ist nicht gestattet.
Diesen Artikel finden Sie auf NZZ Online unter:
http://news.nzzexecutive.ch/magazin/arbeitsmarkt/arbeitsmarkt_claudia_probst_1.14437477.html













Senior Entwicklungs-ingenieur
Kommentare lesen
Reto Nievergelt (23. Januar 2012, 16:16)
... und noch mehr Geduld!
impulsives Handeln und Reagieren ist fatal. Sie leben auch in einem Land, wo die Senioritaet viel mehr zaehlt als Fachwissen, Kreativitaet etc. ("not invented here" syndrom). Tip: lassen Sie sich von Koreaner(innen), welche die westliche Mentalitaet aus eigener Erfahrung gut kennen "coachen". Als Kenner beider Kulturen wissen die am ehesten, was ein Westerner besser machen kann, um (heil) ans Ziel zu kommen. Viel Erfolg!
Christian Maurer (23. Januar 2012, 11:39)
Viel Geduld...
...und ein robuster Korb gefüllt mit Durchhaltevermögen wünsche ich Frau Probst. Ich habe vor ein paar Jahren während einem Jahr in Seoul gelebt und die koreanische Sprache gelenrt. In Südkorea zu arbeiten stelle ich mir sehr schwierig vor und ich hoffe, dass Frau Probst immer optimistisch bleiben kann. Südkorea habe ich gegenüber Europa als "umgekehrten Handschuh" erlebt. Da braucht es eine dicke Haut und viel Einfühlungsvermögen, um nicht unterzugehen.
Wenn Sie diesen Artikel kommentieren möchten, melden Sie sich bitte mit Ihrem MyNZZ-Benutzernamen an. Diese Funktion ist an Wochenenden und Feiertagen gesperrt.