22. August 2011, NZZexecutive
«Es ist immer sinnvoll, Arbeit zu suchen»
Arbeitslosigkeit hat nicht nur materielle Folgen
Heidi Herger ist Beziehungscoach in Luzern. Sie ist gegenwärtig in Ausbildung zur Partner-, Paar- und Familienberaterin IKP. Nebenher arbeitet sie beim SAH Zentralschweiz als Kursleiterin für VivA (Vermittlung und Integration von Personen mit einer verminderten Arbeitsfähigkeit).
Neue Luzerner Zeitung / Andy Waldis
Heidi Herger, Sie sind Beziehungscoach und arbeiten auch mit Erwerbslosen. Haben Sie momentan viel zu tun?
Heidi Herger: Beziehungsprobleme gibt es überall, nicht nur bei Erwerbslosen. Entsprechend viel ist zu tun. Ein Grossteil der Gesellschaft definiert sich über die Arbeit. Fällt diese weg, fehlt ein Teil der Identität. Es kann zur Krise kommen. Ich begleite betroffene Einzelpersonen, Paare und Familien in dieser herausfordernden Zeit.
Arbeitslosigkeit stellt Betroffene nicht nur vor materielle, sondern auch vor psychische Probleme. Zu welchem Umgang in dieser unerfreulichen Situation raten Sie?
Ich rate, sich nicht zu verstecken, soziale Kontakte weiterhin zu pflegen und sich bewusst zu machen, dass die Erwerbslosigkeit eine vorübergehende Situation ist.
Wie Erwerbslosigkeit verarbeitet wird, ist sehr unterschiedlich. Gelegentlich hört man, Arbeitslosigkeit biete auch eine Chance. Welche Faktoren beeinflussen eine erfolgreiche Zukunft positiv?
Wer selbst in schwierigen Situationen gesteckt und diese bewältigt hat, weiss, dass es einen Ausweg gibt. Dieses Wissen und Vertrauen ist eine Stärke, die immens hilft. Neben persönlichen Faktoren spielt das soziale Umfeld eine Rolle. Gespräche, aber auch gemeinsames Lachen mit Freunden ist wertvoll. Eine Tagesstruktur ist ebenfalls wichtig. Ich empfehle, Aufsteh-, Essens- und Schlafenszeiten beizubehalten und feste Zeiten für die Stellensuche einzuplanen. Weiter hilft es, sich täglich an der frischen Luft zu bewegen. Die Chance der Erwerbslosigkeit sehe ich darin, sich durch eine persönliche und berufliche Standortbestimmung besser kennen zu lernen und sich womöglich neu zu orientieren.
Wie wirkt sich Erwerbslosigkeit auf das Familienleben aus, zum Beispiel wenn die klassische Rollenverteilung zur Diskussion steht: Der Mann verliert den Job, die Frau hat einen und unterhält die Familie?
Eine solche Situation stellt jede noch so gut funktionierende Partnerschaft und Familie vor eine grosse Herausforderung. Die finanzielle Verantwortung wird auf eine Person verlagert. Der Druck steigt. In Ihrem Beispiel bringt die Frau das Geld nach Hause. Bei Männern kann das am Selbstwert nagen. Bin ich ein guter Partner und Vater, wenn ich nicht für den Lebensunterhalt meiner Familie aufkomme? Es ist wichtig, solche Zweifel anzusprechen ...
... und die Familie neu zu «organisieren»?
Sozusagen, ja. Die neue Situation erfordert eine neue Aufgabenverteilung. Das Familiensystem kann dadurch ordentlich ins Wanken geraten. Aus einem zuversichtlichen Miteinander wird rasch ein vorwurfsvolles Gegeneinander. Dies geschieht nicht aus Böswilligkeit. Vielmehr stecken Unsicherheit, Angst, Wut, Trauer und Überforderung dahinter. Ein Beziehungscoaching hilft, Ruhe und Ordnung in das Paar- und Familienleben zu bringen.
Wie verhält man sich in einer solchen Situation am besten gegenüber den Kindern?
Kinder spüren, wenn etwas nicht stimmt. Sie können mit der Wahrheit besser umgehen als mit unausgesprochenen Problemen. Deshalb rate ich, ehrlich, kind- und altersgerecht über die Situation aufzuklären. Eltern sollen dabei deutlich machen, dass es Aufgabe der Eltern ist, sich um die Finanzen zu kümmern. Kinder können sich dann vertrauensvoll auf die Eltern verlassen.
Gibt es institutionelle Hilfestellung? Wenn ja, was sind das für Institutionen?
Familien- und Jugendberatungen sind kompetente Anlaufstellen und in der Regel kostenlos. Das Schweizerische Arbeiterhilfswerk (SAH) Zentralschweiz in Luzern ist beispielsweise eine Institution, die Arbeits- und Bildungsangebote führt. Für die Zuweisung in ein solches Angebot sind das RAV, die IV sowie Sozialdienste der Gemeinden zuständig. Zudem gibt es private «Anbieter» wie mich. In meiner Praxis biete ich Einzel-, Paar- und Familiensitzungen an. Ausserdem leite ich Tagesseminare für Erwerbslose zum Thema Selbstwert.
Obwohl die Kosten dafür niedrig sind, ist die Finanzierung ein Faktor, an dem die Durchführung scheitern kann. Wann ist gemäss Ihrer Erfahrung bei Langzeitarbeitslosen der Punkt erreicht, ab dem die Suche nach Arbeit nicht mehr sinnvoll ist? Für jeden Menschen ist das Mass an Zurückweisung, das individuell verkraftbar ist, einmal erreicht.
Solange die Zeit weiterläuft, ist Veränderung möglich. Deshalb glaube ich, dass es immer sinnvoll ist, Arbeit zu suchen. Eine lange Erwerbslosigkeit ist belastend, und es ist nicht einfach, mit Absagen umzugehen. Oft müssen Träume und Vorstellungen begraben werden. Dies bedeutet Abschied und Trauerarbeit. Da darf auch mal eine gezielte Suchpause eingelegt werden. Diese kann Wunder wirken: Es gehen wieder Türen auf
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