11. Januar 2012, NZZexecutive
«Ohne Geld fällt die Gesellschaft auseinander»
Die Bargeldzahlung ist ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert.
Interview Mathias Morgenthaler
Aldo Haesler, vor zehn Jahren prognostizierten Sie: «In zehn Jahren werden kaum noch Münzen und Banknoten im Umlauf sein.» Heute können wir festhalten: Sie haben sich getäuscht.
Aldo Haesler: Nein, überhaupt nicht, es gab nur leichte Verzögerungen beim Übergang vom physischen zum virtuellen Geld. Ich gebe zu: In der Schweiz hat sich das Bargeld erstaunlich gut gehalten. In Frankreich, wo ich lebe, ist eingetroffen, was ich vorausgesagt habe: An der Kasse im Supermarkt zahlen von zehn Personen sieben mit Kreditkarte, zwei mit Checks und eine mit Bargeld. Das zeigt: Bargeld ist ein Auslaufmodell. Sobald die Transaktionskosten tief genug sind, wird es ganz verschwinden.
Wir haben bloss noch Bargeld, weil das bargeldlose Zahlen zu teuer ist?
Die Bargeldzahlung ist ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert. Honoré de Balzac und Emile Zola konnten den schnöden Mammon beschreiben und verteufeln. Im 20. Jahrhundert ist das Geld mehr und mehr hinter den Kulissen verschwunden. Das Realgeld wich dem Giral- oder Buchgeld, das wenn nötig gegen Bargeld eingetauscht werden konnte; gleichzeitig entstanden komplexe, schwer durchschaubare Bankverflechtungen. Heute ist Geld kaum mehr sichtbar, schon gar nicht mehr greifbar – und dadurch ist es für viele Menschen auch nicht mehr «be-greifbar». Und das Paradoxe ist, dass, obwohl es aus unserem Alltag verschwunden ist, ohne Geld heute gar nichts mehr geht. Geld ist das letzte Band, das uns noch aneinander bindet, das unsere Erwartungen nicht enttäuscht und unsere Ängste etwas lindern kann. Ohne Geld würde unsere Gesellschaft auseinanderfallen.
Wie kommen Sie zu so einer ungeheuerlichen Aussage?
Wir stehen vor dem Zusammenbruch unserer Sozialwelt. Repräsentativstudien aus den USA zeigen, dass die Menschen immer weniger Bezugspersonen haben, mit denen sie über wirklich wichtige Themen reden können. Nannten die Befragten 1985 durchschnittlich noch zwischen 12 und 13 enge Bezugspersonen, waren es 1995 noch 5 bis 6 und 2005 lediglich noch 2 bis 3. Man muss sich das vorstellen: Innerhalb von zwanzig Jahren wurde der wichtigste Sozialkreis des Durchschnitts-amerikaners auf einen Sechstel reduziert! Der Grad der Vereinsamung in unserer modernen Gesellschaft ist rasant angestiegen. Geld hat in dieser Situation die Funktion eines letzten Rettungsankers. Aber paradoxerweise ist es nicht nur ein letztes Band, es ist auch die Ursache für diese Einsamkeit.
Inwiefern?
Geld verbindet uns, Geld bringt uns aber auch auseinander – es wirkt symbolisch und diabolisch. Wir haben nichts dagegen unternommen, dass Geld zum Leitmedium unseres Zeitalters wurde, nun müssen wir auch akzeptieren, dass Geld verbindet, was nicht zusammengehört, und auseinanderreisst, was natürlich gewachsen ist. Geld hat uns einsam gemacht, weil die lange Zeit gültige Gegenseitigkeitsnorm nicht mehr in Kraft ist. Beim Tauschgeschäft und beim Zahlen mit physischem Geld lief alles nach dem Prinzip «do ut des» ab: «Ich gebe, damit du mir gibst.» Diese Norm ist nicht mehr gültig. Heute optimiert jeder auf eigene Faust seinen Konsum. Seine Kreditkarte, oder anders gesagt: seine Kreditwürdigkeit verschafft ihm augenblicklich Zugang zu allem. Er muss dafür nichts weggeben, sich von nichts trennen, kein Opfer bringen. Bemerkenswert ist nun, dass diese Grundstruktur nicht nur den Akt der Bezahlung prägt, sondern durch ihre milliardenfache Wiederholung sämtliche Gesellschaftsprozesse verändert.
Kann es sein, dass Sie stark davon geprägt sind, was Sie in den USA gelesen und gesehen haben?
Mehr als die Hälfte der Bewohner New Yorks zum Beispiel sind Singles. Ähnliche Phänomene sehen wir auch in Deutschland. Man kann diese Sozialkrise an einem für Schweizer leicht verständlichen Beispiel schildern: Wir sind von Jassern zu Pokerspielern geworden. Wenn Sie zu viert einen Jass klopfen, dann brauchen Sie dazu einen verlässlichen Partner. Ohne «do ut des» geht da gar nichts. Im Pokerspiel hingegen ist jeder der einsame Wolf, der sich ganz alleine gegen die Meute behaupten muss.
Stört es Sie noch aus anderen Gründen, dass das Bargeld verschwindet?
Wir wollen nicht verstehen, welch weit reichende Folgen das hat. Gleichzeitig wundern wir uns, dass sich so viele Jugendliche überschulden. Ein französischer Ökonom, der Vorstudien zur Einführung des Euro durchgeführt hatte, sagte mir, dass ein Drittel der Bevölkerung nicht mehr in der Lage ist, elementarste Rechenoperationen durchzuführen. Wer nie mit zehn Franken oder zehn Euro etwas bezahlt und das Wechselgeld nachgezählt hat, wird später Mühe haben mit der Buchhaltung. Es verbreitet sich eine Art Geld-Analphabetismus, der dazu führt, dass Menschen nicht mehr abschätzen können, welche konkrete Bedeutung die Beträge haben, die sie durch Eintippen eines Codes an einer Kasse oder im Internet verschieben.
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Kommentare lesen
Gertrud Baumann (12. Januar 2012, 18:21)
Super !
Bin mit den Beobachtungen und Schlüssen von Herrn Haesler vollkommen einverstanden. Nur der Untertitel stimmt nicht -- a) nennt er nicht den wahren Inhalt, und b) hab ich grad im Museum vielerlei Münzen aus zahlreichen Jahrhunderten, nicht nur dem 19., angeschaut. Geld als Band und Ursache der zunehmenden Einsamkeit kennzeichnet eher ein neues Jahrtausend.
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