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10. Dezember 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

Begehrte Jobs in Nordkosovos Niemandsland

Arbeiten in Kosovo

Arbeiten in Kosovo - Begehrte Jobs in Nordkosovos Niemandsland (Bild: istock)Zoom

Arbeiten in Kosovo - Begehrte Jobs in Nordkosovos Niemandsland (Bild: istock)

Thomas Fuster

Eine Arbeitsstelle ist in Kosovo ein besonderes Privileg. So liegt die Arbeitslosenquote in Europas jüngstem Staat bei über 40 Prozent; Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren sind gar zu 70 Prozent stellenlos. Angesichts fehlender Exportprodukte und eines kaum entwickelten Binnenmarkts kommt das 1,8 Millionen Einwohner zählende Land wirtschaftlich nicht vom Fleck – ein Malaise, an dem auch die Unabhängigkeitserklärung im Februar 2008 nichts geändert hat. Der einzige Wachstumssektor ist der seit Jahren unter Beihilfe internationaler «Experten» aufgeblähte Verwaltungsapparat. Der Staat ist denn auch der mit Abstand grösste Arbeitgeber in Kosovo.

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Auch im nördlichsten Zipfel des Landes, also nördlich des durch die Stadt Mitrovica fliessenden Flusses Ibar, sind Staatsstellen begehrt. Nur werden dort die Löhne nicht aus der öffentlichen Kasse in Kosovos Hauptstadt Pristina beglichen, sondern aus der serbischen Kapitale Belgrad. Der Grund für die vermeintliche Absurdität: Der Nordteil des albanisch dominierten Landes wird fast ausschliesslich von Serben bewohnt, und diese Bevölkerungsminderheit lehnt Kosovos Unabhängigkeit ab. Serbiens Regierung unterstützt ihre Landsleute beim Widerstand, etwa dadurch, dass sie im Norden, wo Pristinas Behörden kaum etwas zu sagen haben, ein administratives Parallelsystem aufrechterhält.

Sei es die Schule, die Polizei, das Gesundheitswesen oder die kommunale Administration: Die öffentlichen Strukturen im Norden Kosovos befinden sich fest in serbischer Hand. Und weil – als Parallele zwischen dem albanisch und serbisch dominierten Landesteil – auch im Norden keine produktive Privatwirtschaft anzutreffen ist, sind diese serbischen Staatsstellen sehr begehrt. Dass das staatliche Parallelsystem aus Sicht der kosovarischen Regierung illegal ist, kümmert die am Tropf Belgrads hängende Bevölkerung Nordkosovos wenig. Sie wähnt sich ohnehin innerhalb Serbiens, und sie verwendet als Hauptwährung den serbischen Dinar und nicht den im übrigen Kosovo gebräuchlichen Euro.

Die lokalen Serben lassen sich den Verbleib im Niemandsland zwischen Kosovos territorialem Anspruch und Serbiens faktischer Kontrolle seit Jahren teuer zahlen. In der serbischen Parallelverwaltung werden Löhne und Pensionen bezahlt, die weit über dem Niveau ähnlicher Jobs in Kosovo oder Serbien liegen. Zudem zeigt sich Serbiens Regierung bei der Dotierung der Stellen grosszügig, etwa im Bildungsbereich. Laut Zahlen der International Crisis Group (ICG) kommen beispielsweise in der nordkosovarischen Gemeinde Leposavic auf 127 Sekundarschullehrer nur 566 Schüler; in einigen ländlichen Schulen soll das Betreuungsverhältnis noch extremer sein.

Aber nicht nur mit heimischen Lehrern sollen Serben von der Abwanderung aus Nordkosovo abgehalten werden. Die im Vergleich zu den Kosovo-Albanern stärker überalterte Bevölkerungsgruppe wird auch mit vergleichsweise modernen Gesundheitsleistungen bei Laune gehalten. Schaltstelle dieses Systems ist das Gesundheitszentrum Mitrovica, das rund 1600 Personen beschäftigt. Begehrte «Staatsstellen» bietet im nördlichen Teil der ethnisch separierten Stadt Mitrovica zudem die lokale Universität an, die zirka 9000 Studierende zählt und als wichtigstes Symbol für Serbiens Bekenntnis zu Kosovo gilt.

Im strukturschwachen Nordkosovo kann man sich aber nicht auf unbestimmte Zeit auf Stellen im serbischen Parallelsystem abstützen. Zum einen wird Serbien von Ländern wie Deutschland unter Druck gesetzt, dieses System zu beenden, und zwar als Bedingung für EU-Beitritts-Verhandlungen. Zum andern kostet die Finanzierung der Stellen viel Geld, das in Zeiten der Krise fehlt. Gemäss dem Belgrader Zentrum für praktische Politik hat Belgrad seit Sommer 1999 rund 5,9 Milliarden Euro für die Kosovo-Serben (mit einem Anteil von 6 Prozent die grösste Minderheit Kosovos) ausgegeben. Dies hat laut Rada Trajkovic, einer politischen Vertreterin dieser Minderheit, dazu beigetragen, dass rund 40 000 Kosovo-Serben von Löhnen, Pensionen und Sozialleistungen aus Belgrad abhängig sind.

Die Bereitschaft zu weiteren Transfers sinkt aber. Die Ausgaben von Serbiens Regierung für Arbeitsplätze im serbischen Parallelsystem sind in den vergangenen Jahren denn auch zurückgegangen; derzeit liegen sie laut Regierungsangaben bei etwas weniger als 250 Millionen Euro pro Jahr. Noch bis ins Jahr 2007 erhielten Angestellte, die im öffentlichen Dienst oder in öffentlichen Betrieben beschäftigt waren und auf kosovarischem Boden arbeiteten und lebten, ein sogenanntes doppeltes Einkommen, also einen Zuschlag von 100 Prozent gegenüber einer vergleichbaren Arbeitsstelle in Serbien. Auf Anfang 2010 wurde dieser Zuschlage auf 50 Prozent reduziert, und in Serbien mehren sich die Stimmen jener, die eine gänzliche Abschaffung solcher Subventionen für Jobs in Kosovo fordern.


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4 Leserkommentare:
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daniel steinhauser (18. Dezember 2011, 16:59)
Daniel Steinhauser

In diesem Artikel wird ohne Erklärung versucht den legitimen Anspruch Serbiens auf das Kosovo zu verleugnen. Zudem wird die öffentliche Meinung in Serbien falsch dargestellt (2008 demonstrierten über 500'000 (!!) Serben gegen die Unabhängigkeit Kosovos in Belgrad).Dieser einseitige Artikel scheint mir nichts anderes zu sein, als ein Versuch die Schweizer Meinung zu beeinflussen über die Anerkennung dieses Gebildes durch die abgetretene BR MCR. Man müsste schon auch erwähnen, dass die Unabhängigkeit der sogenannten Republik Kosovo (die mit Ossetien, Abchasien, Transnistrien, Nordzypern vergleichbar ist) international nur halbpatzig anerkannt wurde. Die gültige UN-Resolution 1244 bekräftigt ganz klar, dass das Kosovo zu Serbien gehört. Entsprechend verstehe ich nicht wie diese Staatstellen im Norden als illegal bezeichnet werden können - dies trifft wohl eher auf die albanischen Machtstrukturen im Kosovo zu.

Ivan Licanin (14. Dezember 2011, 10:36)
Ohren spitzen, Fisnik Latifi!

Der serb. Präsident Boris Tadic und der Innenminister Ivica Dacic haben ausgesprochen, was eh schon alle in Serbien wissen: die EU bzw. primär Deutschland verlangt die Anerkennung Kosovos als Eintrittspreis für Serbien in die EU. Gleichzeitig hat der Präsident wiederholt und deutlich klargemacht, dass Serbien dies nicht akzeptieren wird. Was Sie im Kommentar erzählen, ist entweder ein Übersetzungsfehler, den ich hiermit korrigiere, oder Ihr Wunschdenken. Völkerrechtlich gesehen hat H. Maulwurf in seinem Kommentar absolut Recht.

Fisnik Latifi (14. Dezember 2011, 08:50)
Augen auf

Herr Maulwurf, ich rate Ihnen: kommen Sie an die Oberflaeche.
Selbst der serbische Praesident und der IM haben gestern zugegeben, dass eine serbische Anerkennung Kosovos unumgaenglich ist.
Im uebrigen stimmt es nicht, dass das Parallelsystem rechtmaessig ist, da unter UNSCR 1244 Serbien kein Recht hat Wahlen in Kosovo abzuhalten. Nicht mal die UNO hat die Repraesentanten dort legal anerkannt.
Guten Morgen!

Hans Maulwurf (13. Dezember 2011, 18:42)
Parallelsystem

Sehr geehrter Herr Fuster
Ich finde Ihren Artikel hoch interessant jedoch verstehe ich nicht, wie sie das System im Nord-Kosovo als Parallelsystem deklarieren können?
Der "Staat" Kosovo wurde von der Schweiz anerkannt und von weiteren 84 Staaten von insgesamt 193 Staaten.
Der Kosovo ist auch kein Mitglied der Vereinten Nationen und die Unabhängigkeit Unabhängigkeit Unabhängigkeit Unabhängigkeit Unabhängigkeit erklärt.
Somit erlaube ich mir zu sagen, dass dieses von Ihnen sogenannte Parallelsystem eigentlich das einzige rechtmässige System im Kosovo ist.
Die Mehrheit hat sich noch nicht für die Unabhängigkeit ausgesprochen. Nur weil die USA, Deutschland, Frankreich und die Schweiz dies taten, heisst es noch lange nicht, dass der Status geklärt ist.
Dieser Artikel hat eine sehr verwirrende Wirkung.
Gerne würde ich Ihre Stellungnahme zu diesem Kommentar lesen.
Besten Dank

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