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10. Dezember 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

«Unfaire Kritik macht mich in erster Linie traurig»

33 Fragen an Michaela Stöckli, Direktorin des Branchenverbandes Swissrail

Die Bahn, hier die Rhätische bei Filisur, als Blickfang im Büro Michaela Stöcklis. (Bild: Simon Tanner / NZZ)Zoom

Die Bahn, hier die Rhätische bei Filisur, als Blickfang im Büro Michaela Stöcklis. (Bild: Simon Tanner / NZZ)

Interview: met.

Haben Sie Ihre Karriere von Anfang an genau vor sich gesehen?
Kurz vor der Matura wollte ich vor lauter Prüfungsbammel auswandern und mit einem Mitschüler eine Bar auf Santorin eröffnen. Nach bestandener Matura war das Ziel dann Journalistin. Kurz und gut: Der Blick auf meine Karriere war etwas unscharf.
Ist die Weiterbildung im Management auf der Höhe der Zeit?
Sicher ist, dass Weiterbildung als Business floriert. Ich staune immer wieder, wie die Institute Menschen dazu motivieren können, mit über 50 Jahren noch ein anspruchsvolles MBA-Studium in Angriff zu nehmen.

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Wie lauten Ihre Führungsgrundsätze?
Offen, ehrlich, direkt und immer erreichbar (ausser in den Ferien). Ich habe ein Antwortprinzip: Innert 24 Stunden wird jede Anfrage eines Mitarbeiters, Mitglieds oder Journalisten beantwortet. Der Führungsgrundsatz der Erreichbarkeit wird ausnahmslos geschätzt. Offenheit, Ehrlichkeit und Direktheit stossen jedoch nicht immer auf Gegenliebe.
Ist kompetente Unternehmensführung überhaupt erlernbar?
Das ist wohl wie bei den musischen Künsten: Das Handwerk kann man solide erlernen und dann ganz ordentliche Leistungen erbringen. Aber um wirklich ein anerkannter Star zu werden, braucht man neben dem Handwerk sehr viel Talent.
Haben sich Ihre Führungsprinzipien im Lauf der Zeit verändert?
Nicht wesentlich, aber ich bin etwas gelassener geworden.
Darf ein Chef auch Schwächen zeigen?
Er (oder auch sie) darf, kann und soll gelegentlich Schwäche zeigen. Es gibt nichts Unerträglicheres als einen Chef, der wie ein Roboter funktioniert.
Wie spüren Sie die gegenwärtige Wirtschaftslage?
Unserer stark exportorientierten Branche macht sie sehr zu schaffen. Beim derzeitigen Euro- und Dollar- Kurs sind wir im Ausland kaum mehr konkurrenzfähig. Effizienzsteigerung und Innovationskraft haben Grenzen. Mittelfristig mache ich mir Sorgen um die Entwicklung im EU-Raum. Wie sollen Investitionen in die Bahninfrastruktur erfolgen, wenn der Rettungsschirm nur noch knapp die Zinslast der Problemstaaten decken kann?
Hat die globale Arbeitsteilung positive Effekte gebracht?
Für mich persönlich auf jeden Fall. Ich habe in verschiedenen Ländern gearbeitet und viele spannende Erfahrungen machen dürfen. Die Kehrseite ist die Situation des industriellen Arbeiters. Wie soll er sich und seine Familie ernähren, wenn sein Arbeitsplatz aufgrund der Globalisierung ins ferne Ausland verlegt wird?
Können Sie sich Alternativen zur Globalisierung vorstellen?
Dieser Hochgeschwindigkeitszug lässt sich nicht mehr aufhalten. Es bleibt die Hoffnung, dass unsere Gesellschaft Modelle entwickeln wird, um die Verlierer der Globalisierung menschenwürdig aufzufangen.
Was geht Ihnen auf die Nerven?
Leute, welche zu spät zu einer Sitzung erscheinen mit der Begründung, dass sie ein wichtiges Meeting hatten. Da frage ich mich zuweilen, ob denn unser Meeting unwichtig ist.
Worüber können Sie herzlich lachen?
Über die Comedy-Sketch-Show «Little Britain».
Was sagen Ihre Mitarbeiter über Sie?
Diese Frage sollten Sie den Mitarbeitern stellen – ich lausche nicht.
Wie reagieren Sie auf Kritik?
Ist sie berechtigt, reagiere ich zerknirscht und gehe danach tendenziell hart mit mir ins Gericht. Unberechtigte Kritik kann ich meist ziemlich souverän parieren. Unfaire Kritik macht mich in erster Linie traurig.
Hat Sie Ihr Bauchgefühl auch schon einmal getäuscht?
Leider ja – was mich nicht daran hindert, ab und zu wieder auf meinen Bauch zu hören.
Stellen Sie auch ehemalige Arbeitskollegen und Freunde ein, oder ziehen Sie unbeschriebene Blätter vor?
Diese Frage stellt sich heute nicht mehr, da ich als Verbandsdirektorin nur noch ein sehr kleines Team führe und keine Leute mehr rekrutieren muss. Als meine Führungsspanne noch erheblich grösser war, griff ich gern auf bewährte Weggefährten zurück, solange ihr Profil den Anforderungen entsprach. Diese Haltung hat sich ausnahmslos bewährt.
Sind «Quotenfrauen» notwendig oder überholt?
Viel entscheidender sind meines Erachtens eine gute Infrastruktur, wie zum Beispiel Kinderkrippen und Tagesschulen, und nicht zuletzt Männer, die bereit sind, ihre Frauen bei der Karriere zu unterstützen und dabei auch die Rolle des «Nestbe- treuers» zu übernehmen.
Werden bei Ihnen Kandidaten gegoogelt?
Wie bereits erwähnt, bin ich kaum mehr mit Kandidaten konfrontiert. Aber es kommt schon einmal vor, dass ich einen neuen Ansprechpartner oder ein potenzielles Neumitglied des Verbandes google.
Falls Ihnen Ihr Smartphone abhandenkommt: Ist das ein Desaster für Sie und Ihre Terminplanung?
Nein, meistens habe ich noch mein iPad dabei, und meine Termine sind über Outlook synchronisiert. Wirklich betroffen wäre wohl unser Backoffice, denn dieses müsste mir raschestmöglich einen Ersatz für das Telefonieren besorgen.
Welchen Stellenwert haben für Sie soziale Netzwerke, beruflich und privat?
Soziale Netzwerke – nicht die virtuellen – haben einen hohen Stellenwert für mich. Unser Verband ist ja im Grunde genommen auch ein soziales Netzwerk. Zudem halte ich Kontakt zu vielen Wegbegleitern aus meiner Vergangenheit. Im Cyberspace findet man mich auf Xing, wobei ich keine sehr aktive Benutzerin bin.
Was halten Sie von Managern, die in der Öffentlichkeit mit wenig Schlaf und Wochenendarbeit auftrumpfen?
Jeder soll so, wie er will und kann. Ich bin auf jeden Fall froh, dass ich meinen Schlaf nicht beschneiden muss und den Luxus geniessen kann, genug zu schlafen. Das bedeutet, dass ich normalerweise unter der Woche pro Nacht mindestens sieben Stunden schlafe. Am Wochenenden eher mehr und im Verlauf mehrtägiger, internationaler Veranstaltungen auch einmal weniger.
Würden Sie Ihre Karriere gegebenenfalls zugunsten eines humanitären Einsatzes aufgeben?
Eher nicht – ich weiss auch nicht, welche Fähigkeiten mich für einen solchen Einsatz qualifizieren würden.
Wann und wo können Sie wirklich abschalten?
Zu Hause, beim Kochen für liebe Freunde oder die Familie. Auf spannenden Reisen, auf Safari oder bei meinen Freunden in Kapstadt. Aber auch bei einer fröhlichen Runde mit meinen drei unverwüstlichen Schulfreundinnen.
Sind Vorbilder noch aktuell oder eher hinderlich bei der Selbstverwirklichung?
Das hängt sehr vom Vorbild ab. Ich denke schon, dass gewisse Vorbilder zur richtigen Zeit hilfreich sein können, solange sie nicht zu einem irrationalen Ideal werden.
Was raten Sie dem Berufsnachwuchs – und den eigenen Kindern?
Locker bleiben, nicht verkrampfen! Auch ein Umweg kann ganz hilfreich sein und auf den richtigen Weg führen. Unser Bildungssystem ist heute so durchlässig, dass nicht nur viele, sondern alle Wege nach Rom führen.
Wie wurden Sie durch Ihre ehemaligen Lehrpersonen eingeschätzt?
Aufmüpfig, frech, vorlaut und faul – aber nicht unintelligent.
Hat Ihnen die Schule das wirklich Relevante vermittelt?
Das Allgemeinwissen, welches mir vermittelt wurde, empfinde ich heute als äusserst relevant. Auf den operativen Alltag wurden wir nicht wirklich vorbereitet. Aber es wurde uns beigebracht, wie man Herausforderungen meistern kann.
Könnten Sie sich ein Leben im Kloster vorstellen?
Unter gewissen Umständen ja: Solange es einen guten Weinkeller gibt, die Küche ansprechend ist, genügend Literatur vorhanden ist und ich vom Morgengebet suspendiert werde.
Kommen Sie manchmal zu spät?
Nein, ich will nicht unhöflich sein.
Glauben Sie an die Vorsehung und an das Schicksal?
Nicht wirklich, obwohl ich mich manchmal über gewisse Konstellationen wundere.
Sind Sie zuversichtlich für die Schweiz?
Ja. Unser System hat Stärken und Schwächen. Aber ich kenne bis heute keinen besseren Ansatz als jenen, den wir in der Schweiz verfolgen. Vormachen dürfen wir uns jedoch nichts: Sollte die Euro-Zone scheitern, werden wir wohl oder übel auch Federn lassen müssen.
Welche Probleme sollte die Politik unverzüglich anpacken?
Dies würde ich gerne mit unseren neuen Mitgliedern des Parlaments direkt erörtern. Wichtig ist, dass wieder mehr sachorientiert und weniger parteipolitisch agiert wird.
Wie könnte die Titelüberschrift dieses Interviews lauten?
Ich denke, dass ich diese intellektuelle Herausforderung nun der Redaktion der NZZ überlasse.

Michaela Stöckli

Michaela Stöckli, 49, ist Direktorin der Swissrail Industry Association in Bern. Die Swissrail ist der Branchenverband der Bahnindustrie in der Schweiz. Über hundert Konzerne und Firmen mit gut 12 000 Mitarbeitenden sind im Verband vereint. Dieser wahrt die Interessen der «spurgebundenen Industrie» im In- und Ausland gegenüber Kunden und der Politik. Im Ausland vertritt er die Schweizer Bahnindustrie bei der internationalen Normierung und ist darüber hinaus aktiv in der Exportförderung. Engen Kontakt pflegt Swissrail mit den Partnern SBB, Verband öffentlicher Verkehr, Bundesamt für Verkehr und Institut für Verkehrsplanung und Transporttechnik der ETH. Michaela Stöckli war über 15 Jahre lang als internationale Führungskraft in der IT-Branche tätig. Bevor sie vor gut zwei Jahren zu Swissrail wechselte, war sie bei Ascom unter anderem zuständig für den Bahnbereich. Michaela Stöckli lebt in eingetragener Partnerschaft in Horgen. Sie erwarb die Matura des Typs B und studierte danach an der Hochschule St. Gallen.


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