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31. Dezember 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

«Ich sage, was ich tue –und tue, was ich sage»

33 Fragen an Ivo Furrer, CEO Swiss Life Schweiz

(Bild: Christian Beutler / NZZ)Zoom

(Bild: Christian Beutler / NZZ)

Interview: met.

Haben Sie Ihre Karriere von Anfang an genau vor sich gesehen?

Nein, keineswegs. Ich bin in den achtziger Jahren über meine Dissertation zum Thema zweite Säule in die Versicherungswirtschaft «gerutscht» und ihr in verschiedenen Managementfunktionen 25 Jahre treu geblieben.

Ist die Weiterbildung im Management auf der Höhe der Zeit?

Je älter ich werde, desto mehr bin ich überzeugt, dass im Management primär Menschenführung und die damit verbundene Empathie zählen. Eine gute Weiterbildung für Führungskräfte muss vor allem diese Werte vermitteln – und den Austausch mit Kollegen aus anderen Industrien ermöglichen.

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Wie lauten Ihre Führungsgrundsätze?

Oberstes Gebot für mich sind Transparenz und Nachhaltigkeit bei Entscheidungen. Ich versuche hier mit gutem Beispiel voranzugehen, indem ich sage, was ich tue – und tue, was ich sage. Weitere Grundsätze meines Führungsstils sind: die Frage nach der «Wirkung im Ziel», den Mitarbeitenden Vertrauen und Respekt entgegenbringen und bei allem, was wir tun, den Kunden in den Mittelpunkt stellen.

Ist kompetente Unternehmensführung überhaupt erlernbar?

Persönlich lerne ich mit Abstand am meisten, wenn ich mich mit Führungskräften von anderen Unternehmen aus unterschiedlichen Industrien austausche. Ich pflege diesen Kontakt bewusst, weil beide Seiten fast immer davon profitieren können. Wer in einer höheren Führungsposition ist, trifft letztlich im Arbeitsalltag immer wieder dieselben Fragestellungen an – ganz egal, ob man Vorsorge oder Vorhänge verkauft.

Haben sich Ihre Führungsprinzipien im Lauf der Zeit verändert?

Nein. Mir war es immer wichtig, selber vorzuleben, was ich von Kolleginnen und Kollegen erwarte. Selbstverständlich akzentuieren sich mit zunehmender Erfahrung gewisse Aspekte. Bei mir sind dies insbesondere die persönliche Wertschätzung des Gegenübers und die offene Kommunikation.

Darf ein Chef auch Schwächen zeigen?

Unbedingt. Ein Chef muss authentisch sein. Das heisst: Wenn er etwas nicht weiss oder einen Fehler gemacht hat, sollte er offen dazu stehen.

Wie spüren Sie die gegenwärtige Wirtschaftslage?

Am Verhalten unserer Privat- und Unternehmenskunden: Sie fragen in dieser unsicheren Zeit deutlich mehr Garantien nach, die wir ihnen als Versicherer auch geben können.

Hat die globale Arbeitsteilung positive Effekte gebracht?

Sie hat in vielen Industriezweigen zu Effizienzsteigerungen geführt. Auch in Sachen Prozessorientierung und Innovation bringt sie positive Effekte. Ich denke, dass daraus eine erhöhte Kundenorientierung resultiert, die wir als Konsumenten letztlich alle spüren.

Können Sie sich Alternativen zur Globalisierung vorstellen?

Ich beurteile die Globalisierung als grundsätzlich positiv. Sie hat entscheidend zu Fortschritt und Weiterentwicklung zahlreicher Volkswirtschaften beigetragen. Gerade auch in kleineren Gemeinschaften oder Regionen wird zusätzlicher Wert geschaffen.

Was geht Ihnen auf die Nerven?

Unehrlichkeit und Intransparenz.

Worüber können Sie herzlich lachen?

Über wirklich gute Witze und skurrile Situationen im Alltag.

Was sagen Ihre Mitarbeiter über Sie?

Das müssten Sie meine Kollegen fragen! Ich glaube, dass sie mich als fordernden, aber fördernden Chef sehen, der mit viel Engagement seine Ziele verfolgt, aber immer auch Empathie zeigt und sich in die Lage des Gesprächspartners versetzen kann.

Wie reagieren Sie auf Kritik?

Ich versuche, dafür offen zu sein. Das gelingt mir zugegebenermassen nicht immer gleich gut – aber ich habe mich über die Jahre verbessert.

Hat Sie Ihr Bauchgefühl auch schon einmal getäuscht?

Sehr selten.

Stellen Sie auch ehemalige Arbeitskollegen und Freunde ein, oder ziehen Sie unbeschriebene Blätter vor?

Ich arbeite gerne mit Kolleginnen und Kollegen, die einen überzeugenden Leistungsausweis vorlegen können. Die also in ihrem Arbeitsgebiet bewiesen haben, dass sie ihre Sache verstehen und gleichzeitig Persönlichkeiten sind. Da spielt es weniger eine Rolle, ob ich sie bereits von früher kenne oder ob es neue Talente sind, die mich überzeugen.

Sind «Quotenfrauen» notwendig oder überholt?

Ich bin gegen eine starre Frauenquote, auch aufgrund zahlreicher Diskussionen mit meiner Frau, die als Akademikerin aus eigenem Antrieb eine Berufskarriere gemacht hat und hier eine dezidierte Meinung vertritt. Ich bin aber überzeugt, dass es unsere Aufgabe ist, vermehrt Frauen fürs Management zu begeistern.

Werden bei Ihnen Kandidaten gegoogelt?

Bei Swiss Life nutzen wir vermehrt Social-Media-Kanäle für die Kandidatensuche. Wenn es besonders exponierte Positionen zu besetzen gibt, dann machen wir uns selbstverständlich auch einmal auf digitalen Kanälen über mögliche Kandidaten kundig.

Falls Ihnen Ihr Smartphone abhandenkommt: Ist das ein Desaster für Sie und Ihre Terminplanung?

Von einem Desaster würde ich nicht gerade sprechen, aber es wäre zugegebenermassen schwierig, wenn ich auf Reisen plötzlich auf mein iPhone verzichten müsste.

Welchen Stellenwert haben für Sie soziale Netzwerke, beruflich und privat?

Soziale Netzwerke sind nicht mehr aus unserem Leben wegzudenken, sie sind Teil unserer Kultur geworden und prägen unsere Kommunikation mehr und mehr. Ihre Bedeutung in der Arbeitswelt wird zunehmen, das führen mir meine Zwillinge zu Hause eindrucksvoll vor.

Was halten Sie von Managern, die in der Öffentlichkeit mit wenig Schlaf und Wochenendarbeit auftrumpfen?

Gar nichts. Ich brauche meinen Schlaf, und das Wochenende verbringe ich mit meiner Familie beim Wandern oder Skifahren. Natürlich bin ich auch am Wochenende «auf Pikett» und erledige gewisse Arbeiten, für die ich Ruhe brauche. Aber ich strenge mich an, masszuhalten.

Würden Sie Ihre Karriere gegebenenfalls zugunsten eines humanitären Einsatzes aufgeben?

Auch wenn mir die Karriere wichtig ist: Es müssen zwingend auch «unbezahlte» Einsätze in meinem Leben Platz finden, die anderen etwas bringen. Diese tun mir jeweils sehr gut.

Wann und wo können Sie wirklich abschalten?

Mit meiner Familie in den Bergen in der Innerschweiz, im Tessin oder aber einfach zu Hause in Winterthur.

Sind Vorbilder noch aktuell oder eher hinderlich bei der Selbstverwirklichung?

Vorbilder werden nie «out of fashion» sein. Es ist immer bereichernd, sich von anderen gewisse Kniffe abzuschauen.

Was raten Sie dem Berufsnachwuchs – und den eigenen Kindern?

Wichtig sind eine solide Ausbildung sowie Freude und Enthusiasmus für das, was man macht.

Wie wurden Sie durch Ihre ehemaligen Lehrpersonen eingeschätzt?

Als jemand, der selbständig seinen Weg ging, mit seinen Freunden auch hie und da über die Stränge schlug und nicht besonders obrigkeitsgläubig war.

Hat Ihnen die Schule das wirklich Relevante vermittelt?

Die Schule bot neben dem Lernen auch die Chance, mit Freunden Dinge zu gestalten und gemeinsam die Welt zu entdecken.

Könnten Sie sich ein Leben im Kloster vorstellen?

Nein. Ich brauche den Kontakt mit Menschen, die ich liebe und mit denen ich leben will.

Kommen Sie manchmal zu spät?

Ich bin organisiert und pünktlich, das hat für mich mit Respekt gegenüber der anderen Person zu tun.

Glauben Sie an die Vorsehung und an das Schicksal?

Ja – ich bin ziemlich überzeugt davon, dass wir nicht alles beeinflussen können. Ich pflege ein gesundes Mass an Fatalismus.

Sind Sie zuversichtlich für die Schweiz?

Ja, sogar sehr. Denn wir können auf unseren Errungenschaften wie etwa dem Sozialversicherungssystem aufbauen. Unser gutes Ausbildungssystem, die kulturelle Diversität und unser Schaffenswillen tragen ebenfalls zur positiven Entwicklung bei.

Welche Probleme sollte die Politik unverzüglich anpacken?

Wir müssen die Sozialversicherungswerke langfristig sichern, die Bildung für unsere Jungen weiter stärken und mit dem Industrie- und Dienstleistungsstandort Schweiz wettbewerbsfähig bleiben.

Eine Ihrer Lebensweisheiten?

Never give up – there is always a next chance!

Wie könnte die Titelüberschrift dieses Interviews lauten?

«Man muss Menschen mögen».

Zur Person

Ivo Furrer, 54, arbeitete nach seinem Berufseinstieg 1982 über zwei Jahrzehnte im internationalen Industrieversicherungsgeschäft, gut zehn Jahre davon in Grossbritannien, in den USA und in Deutschland. Stationen seiner über 25-jährigen Managementkarriere waren die Winterthur International, Zurich Financial Services und die Credit Suisse Group. Die Swiss-Life-Gruppe ist einer der führenden europäischen Anbieter von Vorsorgelösungen und Lebensversicherungen. In der Schweiz, in Frankreich und in Deutschland bietet sie über eigene Agenten, Makler und Banken ihren Privat- und Firmenkunden umfassende Beratung, verbunden mit einer breiten Produktpalette. Im Geschäft mit strukturierten Vorsorgeprodukten für eine vermögende internationale Privatkundschaft gehört Swiss Life weltweit zu den grössten Anbietern. Die Swiss Life Holding AG mit Sitz in Zürich geht auf die 1857 gegründete Schweizerische Rentenanstalt zurück. Die Swiss-Life-Gruppe beschäftigt rund 8100 Mitarbeitende.


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