3. Dezember 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
«Handle vorsichtig, denke gefährlich»
33 Fragen an André Woodtli, Chef des Amtes für Jugend des Kantons Zürich


33 Fragen an André Woodtli, Chef des Amtes für Jugend des Kantons Zürich
Haben Sie Ihre Karriere von Anfang an genau vor sich gesehen?
Keineswegs! Karriereüberlegungen habe ich erst mit Mitte dreissig angestellt, zuvor liess ich mich ausschliesslich durch meine Interessen leiten. Wenn man spät zu planen beginnt, sind auch die Varianten bereits eingeschränkt.
Ist die Weiterbildung im Management auf der Höhe der Zeit?
Ich habe meine erste Führungsausbildung noch in der Armee absolviert, mit dem grossen Vorteil, dass ich mich bereits früh praktisch und theoretisch mit Führungsthemen beschäftigen konnte. Eine Führungsausbildung muss zweierlei leisten: dass man Ordnung halten kann in seinem Tun und dass man angeregt wird, sein Tun radikal zu hinterfragen.
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Wie lauten Ihre Führungsgrundsätze?
Aufgaben- und Menschenorientierung sind keine Gegensätze. Das eine stärkt das andere. Und man muss sich in beiden auskennen.
Ist kompetente Unternehmensführung überhaupt erlernbar?
Auf jeden Fall – am allerbesten im Rahmen eines systematischen und ganz unbestechlichen Coachings.
Haben sich Ihre Führungsprinzipien im Lauf der Zeit verändert?
Vor allem hat sich mein Verständnis von dem verändert, was Organisationen sind. Ich glaube, dass man im Management dazu tendiert, die rationale, technokratische Steuerbarkeit von Organisationen zu überschätzen. Man glaubt dann, Management bringe vor allem Rationalität in die Organisation. Ich halte das für eine grobe Fehleinschätzung. Zum Glück ist Management vielschichtiger.
Darf ein Chef auch Schwächen zeigen?
Wenn er oder sie denn welche hat? Im Ernst: Ein Chef darf alles zeigen, wenn er es nicht für sich selbst tut. Je stärker man sich bei den Mitarbeitenden einbringen kann, umso besser.
Wie spüren Sie die gegenwärtige Wirtschaftslage?
Zu den Leistungsbereichen unseres Amts gehören Kinder- und Jugendhilfe, Berufsberatung und Stipendien. Alle drei Bereiche haben «seismografischen» Charakter. So tritt zum Beispiel der berufliche Druck auf Eltern sofort in die Paarbeziehung und auch in die Familie ein. Dem begegnen dann meine Mitarbeitenden in ihrer Beratungstätigkeit.
Hat die globale Arbeitsteilung positive Effekte gebracht?
In Bildung, Gesundheit und sozialer Arbeit ist die Arbeitsteilung vor allem eine Folge der Professionalisierung und der Institutionalisierung; beides mit klaren Vorteilen.
Können Sie sich Alternativen zur Globalisierung vorstellen?
Da muss ich mit Peter Sloterdijk antworten: Die Globalisierung ist nichts Neues. Wir Europäer globalisieren seit 500 Jahren unentwegt. Also: Nein.
Was geht Ihnen auf die Nerven?
Wenn der Blick für das Wesentliche verloren geht.
Worüber können Sie herzlich lachen?
In guten Momenten auch über mich selbst. Zurzeit aber vor allem über meinen zweijährigen Sohn. In seinen täglichen Entdeckungen und Eroberungen der Welt steckt eine Menge Komik.
Was sagen Ihre Mitarbeiter über Sie?
Kann man das wirklich wissen?
Wie reagieren Sie auf Kritik?
Unterschiedlich. Es gibt bei jedem Geschäft bestimmte Phasen, da man sich die Kritik ganz gezielt abholt. Dann aber auch Momente, wo sie eher stört, etwa wenn man beim Start einer Umsetzung nicht auf genug Zustimmung stösst. Vielleicht hilft die Kritik auch dann, aber wohl eher dem Kritiker als dem Kritisierten.
Hat Sie Ihr Bauchgefühl auch schon einmal getäuscht?
Ganz bestimmt. Und offen gestanden: Es ist bei mir leider auch nicht immer so klar.
Stellen Sie auch ehemalige Arbeitskollegen und Freunde ein, oder ziehen Sie unbeschriebene Blätter vor?
Freunde nie und ehemalige Arbeitskollegen auch eher als Ausnahme.
Sind «Quotenfrauen» notwendig oder überholt?
Solange diese Frage noch so auftaucht, ist das Thema nicht erledigt. Ich denke, die Quote ist eine logische Richtschnur, aber heute müsste man wohl weiter gehen und von Organisationen eigentliche Gender-Kompetenz verlangen.
Werden bei Ihnen Kandidaten gegoogelt?
Ja.
Falls Ihnen Ihr Smartphone abhandenkommt: Ist das ein Desaster für Sie und Ihre Terminplanung?
Für meine Terminplanung nicht, denn die liegt in den Händen meiner Assistentin. Für mich wäre es vor allem ein Verlust von Daten (Adressen, Post), da ich deren Sicherung zu wenig systematisch betreibe.
Welchen Stellenwert haben für Sie soziale Netzwerke, beruflich und privat?
Ich denke dabei weniger an Internet-Gemeinschaften als an reale Netzwerke. Privat haben diese keinen Stellenwert für mich, da zählen langjährige Freundschaften. Aber beruflich vernetze ich mich gezielt: Der Stoff, aus dem Netzwerke gemacht sind, ist ja der Faden. Zum Umfeld der eigenen Organisation einen guten Faden haben, das ist schon sehr entscheidend.
Was halten Sie von Managern, die in der Öffentlichkeit mit wenig Schlaf und Wochenendarbeit auftrumpfen?
Ich halte von Auftrumpfen – nach überstandener Adoleszenz – sowieso nichts. Als Frage bleibt nur: Kann man sie wirklich überstehen?
Würden Sie Ihre Karriere gegebenenfalls zugunsten eines humanitären Einsatzes aufgeben?
Ein sehr reizvoller Gedanke. Ich hatte immer den Wunsch, eine längere Zeit im Ausland zu arbeiten, in einem anderen Kulturkreis und so weiter. Der Wunsch blieb bisher unerfüllt, aber er besteht noch immer.
Wann und wo können Sie wirklich abschalten?
In der Badewanne mit dem Sohn, im Theater und beim Theaterspielen, beim Sport, besonders auf Hochtouren. Und natürlich gibt es auch Momente zusammen mit meiner Frau.
Sind Vorbilder noch aktuell oder eher hinderlich bei der Selbstverwirklichung?
Bilder sind sehr, sehr wichtig – ob sie vor oder hinter einem liegen. Entscheidend ist, welche Kraft von ihnen ausgeht. Das kann sehr mächtig und wirksam sein!
Was raten Sie dem Berufsnachwuchs – und den eigenen Kindern?
Halte es mit Denis Diderot: Folge deinen Leidenschaften!
Wie wurden Sie durch Ihre ehemaligen Lehrpersonen eingeschätzt?
Wohl wie so viele: genug Talent, aber zu wenig Fleiss. Erst bei der Ausbildung zum Lehrer habe ich verstanden, dass es noch etwas Drittes braucht: Interesse. Nur so kommt das Talent zum Fleiss. Im Lehrerseminar traf ich auf Lehrpersonen – keine Dozenten –, die das genauso sahen und lebten. Das war wunderbar.
Hat Ihnen die Schule das wirklich Relevante vermittelt?
Ja, zum Beispiel mit diesem Anreiz: Wenn man die Aufgaben rasch und korrekt erledigt hatte, durfte man frei malen, was ich sehr liebte. Deshalb tat ich alles, um zum freien Malen entlassen zu werden.
Könnten Sie sich ein Leben im Kloster vorstellen?
Absolut. Am allerliebsten als Verantwortlicher der Klosterbibliothek.
Kommen Sie manchmal zu spät?
Eigentlich recht selten. Freilich – ich habe auch schon ganze Sitzungen verpasst.
Glauben Sie an die Vorsehung und an das Schicksal?
Von glauben würde ich nicht generell sprechen, aber es gab schon Momente in meinem Leben, in denen «das Schicksal» schlicht die allerbeste Erklärung war, die mir zur Verfügung stand. So stimmig, dass es nicht selbst gemacht sein konnte!
Sind Sie zuversichtlich für die Schweiz?
Ja, aber nur für eine ergebnisoffene Schweiz. Die Schweiz ist kein Zustand, sondern ein Projekt. Das gilt seit ihren Anfängen und macht ihre besondere Attraktivität aus.
Welche Probleme sollte die Politik unverzüglich anpacken?
Ich bin recht zuversichtlich, was das Erkennen der Probleme angeht. Die Schwierigkeit sehe ich in den engen Gestaltungs- und Spielräumen des politischen Systems.
Eine Ihrer Lebensweisheiten?
Allzu viel ist ungesund; das gilt auch für die Lebensweisheiten.
Wie könnte die Titelüberschrift dieses Interviews lauten?
Handle vorsichtig, denke gefährlich (mein Management-Motto). Interview: met.
Zur Person
André Woodtli, 49, ist Amtschef in der Bildungsdirektion des Kantons Zürich. Mit seinem Amt für Jugend und Berufsberatung – dem nichtschulischen Amt in der Bildungsdirektion – ist er zuständig für die ausserschulische Bildung und den Kindesschutz. Die Leistungen der Berufsberatung werden in 7 Berufsinformationszentren (BIZ) erbracht, diejenigen der Kinder- und Jugendhilfe an 24 Jugendhilfestellen (Mütter-/Väterberatung, Erziehungsberatung, Jugend- und Familienberatung, Alimentenhilfe, Elternbildung, Gemeinwesenarbeit). Hinzu kommen die Vergabe der kantonalen Stipendien sowie die Finanzierung und Qualitätssicherung von Kinder- und Jugendheimen sowie der Sonderpädagogik im Frühbereich. Im Weiteren sind dem Amt auch die beiden Zentralbehörden Adoption und Haager Kindesschutzabkommen zugeordnet. André Woodtli lebt mit seiner Frau und seinen bald zwei Kindern in Zürich. Als Germanist begleitet ihn die Literatur ins Management, ins Theater, auf Bergtouren und in die Badewanne.
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