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18. Februar 2012, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

«Der Spass hat im Berufsleben generell zu wenig Platz»

33 Fragen an Peter Füglistaler, Direktor des Bundesamtes für Verkehr

Zoom

Interview: met.

Haben Sie Ihre Karriere von Anfang an genau vor sich gesehen?

Nein, ich wollte zuerst Lokomotivführer werden. Ich habe dann eine Banklehre gemacht, die Matur im Fernstudium nachgeholt mit dem Ziel, Handelslehrer zu werden. Studiert habe ich schliesslich Volkswirtschaft. Über die Eidgenössische Finanzverwaltung bin ich dann zu den SBB (allerdings nicht als Lokführer) und zum öffentlichen Verkehr gekommen. Meine Karriereplanung bestand darin, dass ich die Chancen nutzte, die sich mir boten.

Ist die Weiterbildung im Management auf der Höhe der Zeit?

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Es gibt zu viele Modeströmungen. Dabei handelt es sich oftmals um alten Wein in neuen Schläuchen. Managementseminare geben immer wieder gute Inputs, vieles ist aber Wiederholung. Meine beste Weiterbildung war die Ausbildung zum Experten für Rechnungslegung und Controlling.

Wie lauten Ihre Führungsgrundsätze?

Wirkung, Effizienz, Zuverlässigkeit, Offenheit und Vertrauen. Für eine Führungsperson ist die Effizienz ein Dauerbrenner. Zentral ist auch die Zuverlässigkeit: Verfahren müssen korrekt sein, Zeitpläne eingehalten werden, unsere Aussagen stimmen, Texte sprachlich einwandfrei sein. So können wir uns auf die Sachfragen konzentrieren. Als Kader müssen wir aktiv den Kontakt mit unseren Partnern suchen, insbesondere mit jenen, welche nicht unserer Meinung sind. Und schliesslich ist Vertrauen wichtig: Vertrauen ins Führungsteam, in alle Mitarbeitenden, dass sie ihren Job gut und korrekt machen.

Ist kompetente Unternehmensführung überhaupt erlernbar?

Führen lernt man, indem man es tut, Managementkurse können Hinweise für Verbesserungen geben. Ich halte mich an Malik: Sitzungen mit Ergebnissen, konsistente Berichte, die richtige Person am richtigen Ort. Beherrschen der finanziellen Führung und Konzentration auf das Wesentliche können gelernt werden.

Haben sich Ihre Führungsprinzipien im Lauf der Zeit verändert?

Ja, man lernt dazu, sieht da und dort ein gutes und oftmals auch ein schlechtes Beispiel.

Darf ein Chef auch Schwächen zeigen?

Selbstverständlich darf ein Chef etwas nicht wissen oder einmal müde sein. Und er hat auch das Recht, einmal schlechte Laune zu haben.

Wie spüren Sie die gegenwärtige Wirtschaftslage?

Als Direktor eines Bundesamtes nur indirekt: Mit einem Sofortprogramm gegen die Euro-Schwäche haben wir den Regionalverkehr und die internationalen Gütertransporte unterstützt, indem wir innert Wochenfrist einen Antrag an das Parlament vorbereitet haben.

Hat die globale Arbeitsteilung positive Effekte gebracht?

Ja, insgesamt breitet sich der Wohlstand über die ganze Welt aus – leider auch die damit verbundenen Probleme. Die Schweiz als Exportland profitiert von dieser Entwicklung. In der Verkehrspolitik gibt es nur grenzüberschreitende, europäische Lösungen, alles andere ist eine Illusion.

Können Sie sich Alternativen zur Globalisierung vorstellen?

Nein, es lässt sich nicht auf Dauer eine Insel der Glückseligen abschotten. Der mit der Euro-Krise wieder aufkeimende Nationalismus macht mir Sorgen. Das 20. Jahrhundert war durch den Nationalismus geprägt und hat Europa zweimal verwüstet.

Was geht Ihnen auf die Nerven?

Mitarbeitende, die ihre Arbeit nicht richtig machen und damit ihre Kollegen belasten. Oder auch Verschwendung in jeder Form wie das gezielte Ausschöpfen von Budgets oder überrissene Spesenrechnungen.

Worüber können Sie herzlich lachen?

Über geistreiche Aussagen. Leider ist mir auch ein gewisser Zynismus nicht fremd. Generell hat der Spass im Berufsleben zu wenig Platz.

Was sagen Ihre Mitarbeiter über Sie?

Dass ich ein ruhiger Mensch sei und dass ich schnell arbeite und entscheide. Ich hoffe, dass sie mich auch als ganz normalen Menschen sehen. Anfänglich war ich überrascht, wie viel Respekt einem Bundesamtsdirektor entgegengebracht wird.

Wie reagieren Sie auf Kritik?

Kritik ist die Chance, etwas besser zu machen. Es ist wichtig, dass alle mitdenken und Rückmeldungen machen. Führungskräfte laufen Gefahr, dass sie die Macht zu geniessen beginnen und sich allmächtig fühlen.

Hat Sie Ihr Bauchgefühl auch schon einmal getäuscht?

Weniger oft als der Kopf. Obwohl ich ein Zahlenmensch bin, merke ich relativ schnell und intuitiv, ob eine Idee «belastbar» ist oder mir nur eine nette Geschichte aufgetischt wird.

Stellen Sie auch ehemalige Arbeitskollegen und Freunde ein?

In der kleinen Branche öffentlicher Verkehr kennt man sich in der Regel.

Sind «Quotenfrauen» notwendig oder überholt?

Quotenfrauen – ein unmöglicher Ausdruck – gibt es heute nicht mehr. Durchmischte Teams sind eine Selbstverständlichkeit. Verschiedene Blickwinkel führen zu besseren Ergebnissen. Frauen in Führungspositionen sind oft konsequenter und strukturierter als Männer.

Werden bei Ihnen Kandidaten gegoogelt?

Ja. Schwergewichtig verlassen wir uns aber auf die üblichen Verfahren mit ausführlichen Anstellungsgesprächen und nötigenfalls Assessments.

Falls Ihnen Ihr Smartphone abhandenkommt: Ist das ein Desaster für Sie und Ihre Terminplanung?

Jedenfalls wäre es mühsam. Ein Smartphone ist heute ein unerlässliches Arbeitsmittel. Am Abend muss man es aber auf die Seite legen können, sonst wird man zum Sklaven dieses Geräts.

Welchen Stellenwert haben für Sie soziale Netzwerke, beruflich und privat?

Die ÖV-Branche in der Schweiz ist sehr übersichtlich. Man trifft sich deshalb regelmässig an Branchenanlässen oder bilateral. Die Mitgliedschaft in einem Golfklub ist deshalb nur für das Ego wichtig. Privat hat der Kontakt mit Freunden für mich einen grossen Stellenwert.

Was halten Sie von Managern, die in der Öffentlichkeit mit wenig Schlaf und Wochenendarbeit auftrumpfen?

Die haben offenbar ein Problem mit dem Setzen von Prioritäten und mit ihrem eigenen Zeitmanagement. Es kann durchaus vorkommen, dass in einer Krisensituation der Tag einmal kein Ende kennt. Das muss aber eine Ausnahme bleiben, sonst verfügt man im Krisenfall nicht über den nötigen Spielraum. Mit einem regelmässigen Acht-Stunden-Tag wird es allerdings nicht gehen.

Würden Sie Ihre Karriere gegebenenfalls zugunsten eines humanitären Einsatzes aufgeben?

Davon träume ich ab und zu. Meinen jetzigen Job würde ich dafür nicht aufgeben, dazu gefällt er mir zu gut.

Wann und wo können Sie wirklich abschalten?

Beim Joggen und Biken, bei einem Essen mit Familie oder Freunden, in den Ferien.

Sind Vorbilder noch aktuell oder eher hinderlich bei der Selbstverwirklichung?

Vorbilder können helfen, den eigenen Weg zu finden, aber man sollte sich nicht an ihnen messen. Mandela fasziniert mich, aber so zu werden wie er, würde mich überfordern.

Was raten Sie dem Berufsnachwuchs – und den eigenen Kindern?

Macht zuerst eine Lehre und nutzt dann die Chancen des heute durchgängigen Bildungssystems. Ich bin ein grosser Anhänger des dualen Bildungssystems. In einer Lehre lernt man arbeiten und wird selbständig. Bei Anstellungen ziehen wir oftmals einen Abgänger einer Fachhochschule einem Universitätsabsolventen vor.

Wie wurden Sie durch Ihre ehemaligen Lehrpersonen eingeschätzt?

In der Schule als durchschnittlich intelligent, aber faul und vorlaut. In der Banklehre als schnell, aber zu linkslastig. Ich habe erst mit etwa 20 Jahren gemerkt, dass Erfolg auch mit der eigenen Leistung und Disziplin zu tun hat.

Hat Ihnen die Schule das wirklich Relevante vermittelt?

Ohne ein gesichertes Grundwissen ist eine Karriere nicht möglich. Eigene Erfahrungen, Sport und Familie gehören jedoch dazu, um das Leben verstehen und meistern zu können.

Könnten Sie sich ein Leben im Kloster vorstellen?

Das Leben bietet zu viel, als dass ich mich freiwillig einsperren liesse.

Kommen Sie manchmal zu spät?

Nein, ausser der Zug hat Verspätung. Die Pünktlichkeit ist nicht nur eines der Markenzeichen des öffentlichen Verkehrs in der Schweiz, sie muss auch in Führungspositionen vorgelebt werden.

Glauben Sie an die Vorsehung und an das Schicksal?

Es gibt sicher Glück und Pech, ich glaube aber nicht, dass das Leben vorgezeichnet ist.

Sind Sie zuversichtlich für die Schweiz?

Ja, wir haben alle Voraussetzungen, um erfolgreich zu sein. Wir sind ein reiches Land, haben ein hohes Bildungsniveau, ein funktionierendes politisches System und einen hervorragenden öffentlichen Verkehr.

Welche Probleme sollte die Politik unverzüglich anpacken?

Sie muss die Finanzierung und den Ausbau des Schienennetzes regeln – das ist für die Zukunft unseres Landes von grosser Bedeutung.

Eine Ihrer Lebensweisheiten?

«Wenn du etwas machst, so mach es richtig.»


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