13. November 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
«Als Freizeit-Winzer einmal einen Top-Wein keltern»
33 Fragen an Lothar Schmidt, Headhunter


Lothar Schmidt - ehemals ambitionierter Sportschütze, 100-Meter- und Marathonläufer. (Bild: Karin Hofer / NZZ)
Interview: met.
NZZ-Executive: Herr Schmidt, welches war Ihr Traumberuf als Kind?
Förster. Weil mich die Vorstellung, von morgens bis abends draussen in der Natur zu sein, begeistert hat.
Was haben Sie in der Schule für das Leben gelernt?
Ganz altmodische Tugenden: zum Beispiel Bewunderung für Menschen, von denen man noch etwas lernen kann – ich hatte glücklicherweise viele gute Lehrer, die mir ein gutes Vorbild waren. Und die Lektion, dass man im Leben nur von der Stelle kommt, wenn man sich auch bemüht.
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Welches war das grösste schulische Drama für Sie?
Meine Französischlehrerin, die so gar nichts vom Klischee einer jungen, attraktiven und charmanten Französin hatte.
Haben Sie als Schüler gemogelt?
Sagen wir so: Ich war immer gut vorbereitet. Ob ich die millimeterkleinen Kritzeleien auf meinen Spickzetteln im Ernstfall wirklich hätte entziffern können, weiss ich nicht – ich habe sie nie gezückt. Durch die akribische Vorarbeit blieb der Lernstoff wohl auch so hängen.
Auf welche ausserschulische Leistung in Ihrer Jugend sind Sie noch heute besonders stolz?
Auf meine Erfolge im Sportschiessen und in der Leichtathletik. Weitsprung, 100 Meter und Marathon waren meine Disziplinen.
Welche Ausbildung würden Sie nachholen, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten?
Es ist schon alles gut, wie es ist.
Wer hat Sie am meisten gefördert?
Ich hatte das Glück, stets zur richtigen Zeit die richtigen Lehrer, Trainer und Mentoren zu haben. All diese Menschen haben mich auf die eine oder andere Art gefördert. Mal durch Ratschläge, einmal durch Referenzen – und einmal durch einen sanften Tritt in den Hintern.
Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit?
Die tägliche neue Herausforderung. Das breite Spektrum an Menschen und Befindlichkeiten, auf die ich im Rahmen meiner Arbeit treffe. Keine Rekrutierung ist wie andere, die Schachfiguren müssen immer wieder neu in Stellung gebracht werden.
Was würden Sie als Ihren grössten beruflichen Erfolg bezeichnen?
Unser Unternehmen in 25 Jahren erfolgreich auch durch wirtschaftliche Talsohlen geführt zu haben, die manchen Wettbewerber vom Markt gefegt haben.
Wenn Sie an Ihr erstes Bewerbungsgespräch zurückdenken: Woran erinnern Sie sich noch?
Als Bewerber erinnere ich mich vor allem an den extrem gut vorbereiteten Interviewer und an meine Neugierde.
Wie viele E-Mails beantworten Sie pro Woche?
200 – und damit etwa die Hälfte des wöchentlichen Eingangs.
Wie viele Stunden arbeiten Sie durchschnittlich pro Tag?
Zwölf mögen es wohl sein.
An welchem Ort können Sie am besten arbeiten, und warum?
Zum Glück kann ich mich überall konzentrieren. Gern tue ich das an meinem Schreibtisch mit Blick über den Vierwaldstättersee – reisebedingt aber auch häufig in Hotellobbys, Konferenzräumen und Flughafen-Lounges.
In welchen Ländern haben Sie bisher gearbeitet – und wo wären Sie gerne noch tätig?
Den Grossteil meiner Zeit verbringe ich an beziehungsweise zwischen unseren beiden Standorten in Deutschland und in der Schweiz. Recruiting-Projekte sind aber heute oft international. Das hat mich zuletzt unter anderem nach Barcelona, Moskau und Istanbul geführt. Was von der persönlichen Wunschliste noch fehlt, sind die Vereinigten Staaten.
Auf welchem Gebiet haben Sie sich zuletzt weitergebildet?
Im Bereich Energietechnik.
Wie hoch war Ihr erster voller Monatslohn?
300 Deutsche Mark als Aushilfsbäcker – in den Semesterferien 1973 kein schlechter Verdienst.
Welches sind die drei wichtigsten Gründe für Erfolg im Leben?
Ich bin überzeugt: Wer sich klare Ziele setzt und sie konsequent verfolgt, wird früher oder später seinen Weg machen. Was dabei hilft, sind Disziplin, Ausdauer und ein Gespür dafür, was geht und was nicht.
Aus welchem Misserfolg haben Sie am meisten gelernt?
Eine Meniskus-Operation, die ich mir eingehandelt habe, weil ich zu oft die 75-Kilometer-Distanz gelaufen bin. Das war falscher Ehrgeiz. Die Belastung war einfach zu hoch für meine Knie.
Welches sind die drei wichtigsten Tugenden eines Vorgesetzten?
Orientierung geben, Ziele formulieren, Vorbild sein.
Welche Person ist für Sie ein persönliches Vorbild?
Günther Klenke, langjähriger Personalvorstand im Medienhaus Axel Springer, der leider vor einigen Jahren verstorben ist.
Welche Person ist für Sie ein berufliches Vorbild?
Dito. Vor allem seine erfrischende Geradlinigkeit ist mir noch immer im besten Sinne präsent.
Wann bereitet Ihnen Ihre Berufstätigkeit Bauchschmerzen?
Wenn zu viele Selbstdarsteller im Spiel sind.
Worüber ärgern Sie sich immer wieder im beruflichen Alltag, und was tun Sie dagegen?
Über die Erwartungshaltung, die manche Nachwuchskräfte an den Tag legen, obwohl ihre Qualifikation, Erfahrung und Leistungsbereitschaft das in keiner Weise rechtfertigen. Da hilft dann nur, den vermeintlichen Überflieger auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen.
Welche Eigenschaften schätzen Sie am meisten an Ihren Mitarbeitenden?
Selbständiges Denken und Handeln in Kombination mit Zuverlässigkeit – die Grundvoraussetzung für Vertrauen.
Wie stellen Sie Ihre persönliche Work-Life-Balance sicher?
Die Frage stellt sich mir eigentlich nicht. Ich empfinde Arbeit nicht als Belastung. Deshalb sind auch häufige Geschäftsreisen und «Nachtschichten» kein Problem. Meine freie Zeit verbringe ich dann aber doch am liebsten zu Hause im eigenen Rebberg.
Welche Netzwerke nutzen und pflegen Sie beruflich?
Auch wenn ich den Begriff etwas überstrapaziert finde: Als Recruiter und Unternehmer lebt man natürlich von seinen Netzwerken, auf Kunden- wie auf Kandidatenseite. Und für virtuelle Plattformen wie Xing oder LinkedIn habe ich heute Spezialisten im Haus.
Welche persönliche Freiheit vermissen Sie am meisten?
Als externer Recruiter nimmt man letztlich immer die Rolle des Beraters ein. Entscheiden tut der Kunde. Gerade bei Topkandidaten wünscht man sich da manchmal, die Ansprechpartner im Unternehmen stärker «zu ihrem Glück zwingen» zu können – was natürlich nicht funktioniert.
Was stört Sie am meisten als Staatsbürger?
Die Bereitschaft der Politik, in hohem Umfang Sozialausgaben an die falschen Stellen fliessen zu lassen und im Gegenzug oft zu wenig bei den wirklich Bedürftigen zu leisten.
Kommen Sie manchmal zu spät?
Nein. Auch wenn's am Bahnhof oder Flughafen manchmal extrem knapp wird.
Ihre grösste Tugend?
Zuverlässigkeit: Ich versuche immer, zu meinem Wort zu stehen und berechtigten Erwartungen an mich nachzukommen.
Ihr grösstes Laster?
Manchmal zu hochgesteckte Ansprüche an mich und andere zu stellen.
Ihr Lieblingsbuch?
Bis zum Teenageralter habe ich mit Begeisterung alles verschlungen, was ich von Karl May in die Finger bekam. Diese unglaubliche Phantasie, die aus den Büchern spricht, hat mich beflügelt. Heute reicht die Zeit meist nur noch fürs Lesen von Stellenmarkt, Wirtschaftsnachrichten und Sportteil.
Ihr Lieblingsfilm?
Kein Film, sondern ein Schauspieler: Jack Nicholson. Wie der sich in jede Rolle hineindenkt, eins wird mit seinem Charakter: toll.
Was kaufen Sie selber ein – und wo tun Sie dies?
Öfters wilde Impulskäufe im Supermarkt, um den Kühlschrank wieder halbwegs verfügbar zu machen.
Welches persönliche Ziel möchten Sie noch erreichen?
Als Freizeit-Winzer träume ich noch davon, einmal einen wirklichen Top-Wein selber zu keltern.
Lothar Schmidt
Lothar Schmidt, 59, ist Personalberater und geschäftsführender Inhaber der Dr. Schmidt & Partner Group. Die Unternehmensgruppe, deren Grundstein er 1986 nach langjähriger Tätigkeit in der Industrie legte, gehört heute zu den führenden Schweizer Dienstleistern auf den Gebieten Executive Search, Stellenanzeigen-Management und Employer Branding. Mit seinem Studienfach, der angewandten Mechanik, hat der diplomierte Ingenieur Schmidt auch in seiner jetzigen Funktion noch zu tun – vor allem, wenn es darum geht, technische Positionen etwa in der Maschinenbau-Branche mit den passenden Spezialisten und Kaderkräften zu besetzen. Beruflich steht Schmidt für den Brückenschlag zwischen der Schweiz und ihren deutschsprachigen Nachbarn: Schmidt & Partner ist in Luzern, Frankfurt und Hamburg vertreten und dazu auch in Österreich aktiv. Zum Schweizer Kundenstamm zählen Grössen wie ABB, Alstom, BKW, Georg Fischer, Schindler und Suva. Schmidt wohnt seit 2000 in Kastanienbaum; er engagiert sich im Kinderschutz.
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