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14. Januar 2012, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

«Hochschulen verlangen ein spezielles Führungsverständnis»

33 Fragen an Jean-Marc Piveteau, Rektor der Zürcher Fachhochschule ZHAW

Rektor Jean-Marc Piveteau in der Bibliothek der ZHAW in Winterthur. (Bild: Simon Tanner / NZZ)Zoom

Rektor Jean-Marc Piveteau in der Bibliothek der ZHAW in Winterthur. (Bild: Simon Tanner / NZZ)

Interview: met.

Haben Sie Ihre Karriere von Anfang an genau vor sich gesehen?

Nein. Wie viele Karrieren hat auch die meinige Verzweigungen erlebt: aus der Forschungswelt in die Wirtschaft, von der Wirtschaft (ich war damals Vizedirektor in einer Schweizer Grossbank) in die Fachhochschule als Dozent, schliesslich von der Lehre und anwendungsorientierten Forschung in eine Leitungsposition.

Ist die Weiterbildung im Management auf der Höhe der Zeit?

Managementweiterbildung soll die Teilnehmenden zur «reflection in action» befähigen, um einen Ausdruck von Donald A. Schön zu übernehmen. Es geht darum, bewusst und reflektiert die schwierigsten Herausforderungen bewältigen zu können.

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Wie lauten Ihre Führungsgrundsätze?

Eine Hochschule hat zwar viele Ähnlichkeiten mit anderen Unternehmen, sie verlangt aber als «Wissensinstitution» ein spezielles Führungsverständnis. Die Führungsaufgabe eines Rektors besteht darin, den Rahmen zu geben, damit Dozierende und Forschende ihre Aufgabe optimal erfüllen können und die Institution ihrem gesellschaftlichen Auftrag nachkommt. Dafür eignet sich ein partizipativer Führungsstil.

Ist kompetente Unternehmensführung überhaupt erlernbar?

Unternehmensführung ist keine angeborene Kompetenz. Sie wird erlernt, die Frage ist nur, wie. Gute Unternehmensführung charakterisiert sich durch die Reflexion über das eigene Handeln.

Haben sich Ihre Führungsprinzipien im Lauf der Zeit verändert?

Sie haben sich sicher weiterentwickelt. Führen sollte nicht nur ein bewusster, sondern auch ein permanenter Lernprozess sein.

Darf ein Chef auch Schwächen zeigen?

Jeder Chef zeigt Schwächen. Wichtig ist, mit der Situation richtig umzugehen: offen dazu zu stehen.

Wie spüren Sie die gegenwärtige Wirtschaftslage?

Bildung und Forschung sind für die Schweiz in der heutigen Wirtschafts lage von zunehmender Bedeutung. Dabei haben die Fachhochschulen eine wichtige Rolle zu spielen. Ich habe mich beispielsweise sehr darüber gefreut, wie sich die Fachhochschulen für das Förderprogramm der Innovationsagentur des Bundes (KTI) im Rahmen des Massnahmenpakets gegen den starken Franken engagiert haben.

Hat die globale Arbeitsteilung positive Effekte gebracht?

Der Haupteffekt dieser Arbeitsteilung ist eine Abhängigkeit auf globaler Ebene. Die Globalisierung zwingt uns, im täglichen Leben mit Personen aus anderen Kulturen zusammenzuarbeiten, sie zu verstehen und die Differenzen zu akzeptieren. Diese Interkulturalität muss von Solidarität und gegenseitigem Respekt geprägt sein – eine Herausforderung, aber vor allem eine Chance.

Können Sie sich Alternativen zur Globalisierung vorstellen?

Im Hochschulbereich stellt sich die Frage nicht: Globalisierung ist ein «must». Auch für Fachhochschulen, die regional und national stark verankert sind, gelten international anerkannte Standards, nach denen wir uns richten. Davon hängt die Qualität der Lehre und der Forschung ab.

Was geht Ihnen auf die Nerven?

Personen, die die Tendenz haben, alles schwarzzumalen.

Worüber können Sie herzlich lachen?

Kennen Sie den französischen Comic «Achille Talon»? Der Grafikstil ist herausragend, die Texte sind mit grossem Talent geschrieben. Wenn ich mich entspannen möchte, lese ich diesen Comic gern.

Was sagen Ihre Mitarbeiter über Sie?

Ich denke (oder ich hoffe), dass sie mich als kompetent und offen beschreiben würden.

Wie reagieren Sie auf Kritik?

Eine kritische Haltung ist einer Hochschulkultur inhärent – mit Recht. Ich brauche diese Kritik, und ich ermuntere meine engsten Mitarbeitenden, mir gegenüber ehrlich zu sein.

Hat Sie Ihr Bauchgefühl auch schon einmal getäuscht?

Ab und zu.

Stellen Sie auch ehemalige Arbeitskollegen und Freunde ein, oder ziehen Sie unbeschriebene Blätter vor?

Die Frage, ob ich die Leute kenne, ist in einem Anstellungsverfahren irrelevant. Für mich ist ausschliesslich die menschliche und fachliche Kompetenz ausschlaggebend.

Sind «Quotenfrauen» notwendig oder überholt?

Die Gender-Frage kann zum Teil vom Berufsfeld abhängen: Sie stellt sich beispielsweise nicht mit derselben Intensität im Gesundheitswesen wie im Ingenieurwesen – im Letzteren ist die Situation bekanntlich sehr unbefriedigend. Das Problem liegt aber hauptsächlich in der ungenügenden Unterstützung, welche Frauen im Alltag haben, um Familie und Karriere zu vereinen. Die Einführung einer Quote gehört mindestens in gewissen Situationen zu den möglichen Instrumenten, mit denen eine Verbesserung der Situation erreicht werden kann.

Werden bei Ihnen Kandidaten gegoogelt?

Nein.

Falls Ihnen Ihr Smartphone abhandenkommt: Ist das ein Desaster für Sie und Ihre Terminplanung?

Das ist kein Desaster, aber ein sehr unangenehmes Gefühl, weil ich realisiere, wie stark ich von diesem kleinen Gerät abhängig bin.

Welchen Stellenwert haben für Sie soziale Netzwerke, beruflich und privat?

Es wäre nicht mehr vorstellbar für eine Hochschule, in den Social Media keine aktive Präsenz zu haben. Ich spüre aber im privaten Bereich eine Zäsur zwischen den Generationen. Während ich bei meinen Kindern sehe, wie sie sich in der virtuellen Umgebung der Social Media ganz natürlich bewegen, genügen mir die heute fast altmodisch gewordenen E-Mails vollständig.

Was halten Sie von Managern, die in der Öffentlichkeit mit wenig Schlaf und Wochenendarbeit auftrumpfen?

Ist es eine Leistung, auf die man stolz sein soll? Mir scheint dies nicht der Fall zu sein.

Würden Sie Ihre Karriere gegebenenfalls zugunsten eines humanitären Einsatzes aufgeben?

Ich finde meine heutige Position mit der Vielfalt der Aufgaben zu spannend, um an einen Wechsel zu denken.

Wann und wo können Sie wirklich abschalten?

Zu Hause mit meiner Familie. Oder beim Lesen eines guten Buchs und beim Hören einer Haydn-Sinfonie.

Sind Vorbilder noch aktuell oder eher hinderlich bei der Selbstverwirklichung?

Molière sagte über Plautus und Terenz: «Ich habe von diesen Vorbildern genug. Nun schaue ich in mich und um mich.» So ist es für uns alle: Wir brauchen Vorbilder mit dem Ziel, sie zu übertreffen.

Was raten Sie dem Berufsnachwuchs – und den eigenen Kindern?

Studieren ist eine einzigartige Zeit im eigenen Leben, wo man Neues entdeckt, die eigene Persönlichkeit entwickelt, Freundschaften fürs Leben bildet. Es ist wichtig, eine Richtung zu wählen, für die man eine besondere Neigung hat.

Wie wurden Sie durch Ihre ehemaligen Lehrpersonen eingeschätzt?

Wahrscheinlich ähnlich, wie ich sie eingeschätzt habe. Es gibt meistens eine Symmetrie in der gegenseitigen Einschätzung zwischen Dozierenden und Studierenden.

Hat Ihnen die Schule das wirklich Relevante vermittelt?

Ja . Dabei darf man nicht vergessen, dass es Dinge gibt, deren Relevanz weder unmittelbar nach dem Studium noch mit einer genauen Messung nachgewiesen werden kann. Dazu kommt – und das ist erfreulich –, dass es auch relevante Sachen gibt, die nicht im Rahmen der Erstausbildung, sondern erst später vermittelt oder erlernt werden können.

Könnten Sie sich ein Leben im Kloster vorstellen?

Nein, auf keinen Fall. Ein von der Welt abgeschnittenes Leben kann ich mir nicht vorstellen.

Glauben Sie an die Vorsehung und an das Schicksal?

Weder noch. Wir brauchen beide nicht, um unserem Leben einen Sinn zu geben.

Sind Sie zuversichtlich für die Schweiz?

Ja, solange sie sich an die Grundwerte hält, die ihren Erfolg bis heute begründet haben. Dazu gehört sicher die Unterstützung des Bildungssystems und der Grundlagen- und anwendungsorientierten Forschung.

Welche Probleme sollte die Politik unverzüglich anpacken?

Wir haben drei «grand challenges», für welche wir kreative Lösungen brauchen: 1. Energie: Wie werden wir in Zukunft unsere Bedürfnisse nachhaltig erfüllen? 2. Gesundheit: Wie gehen wir mit der Alterung der Bevölkerung um? 3. Mobilität: Wie begleiten wir die Entwicklung der Schweiz zu einer einzigen Metropolitanregion?

Eine Ihrer Lebensweisheiten?

«La vraie générosité envers l'avenir consiste à tout donner au présent.» (Die echte Grosszügigkeit gegenüber der Zukunft besteht darin, alles der Gegenwart zu schenken.) Das hat Albert Camus geschrieben.

((info-box))

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