6. März 2010, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
«Mein Temperament passt nicht in einen grossen Konzern»
33 Fragen an Giselle Rufer, CEO von Delance, Swiss Watches for Women


Giselle Rufer, CEO von Delance, Swiss Watches for Women
Interview: asc.
NZZexecutive: Frau Rufer, welches war Ihr Traumberuf als Kind?
Forschungsreisende, weil ich die Welt entdecken und verschiedenartige Menschen und Kulturen kennenlernen wollte.
Was haben Sie in der Schule für das Leben gelernt?
Das zu machen, was mir gefällt. Ich war nicht sehr fleissig, habe nur studiert, was mir gefallen hat, und darin war ich sehr gut. Mit der Zeit habe ich mich entschlossen, das Nötige zu lernen, es rasch und gut zu machen, aber mich auf meine Talente zu konzentrieren, und deshalb bin ich erfolgreich geworden.
Welches war das grösste schulische Drama für Sie?
Dass ich die Schule im fünfzehnten Lebensjahr verlassen musste. Es war ein Drama und ein Trauma, weil ich studieren wollte. Ich hatte grosse Träume. Ich wollte es nachholen und habe deshalb mein Leben lang studiert.
Haben Sie als Schülerin gemogelt?
Das bleibt mein Geheimnis.
Auf welche ausserschulische Leistung in Ihrer Jugend sind Sie noch heute besonders stolz?
Weil meine Mutter Witwe war, musste ich ihr täglich zu Hause und im Geschäft helfen. Damals war dies manchmal schwierig zu akzeptieren, aber ich wusste, dass es nötig war.
Welche Ausbildung würden Sie nachholen, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten?
Eine Schauspielausbildung. Als Schauspielerin kann man in viele Rollen schlüpfen.
Wer hat Sie am meisten gefördert?
Meine Familie.
Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit?
Das zu machen, was ich liebe; mit den Menschen, die ich liebe, und für die Menschen, die ich liebe.
Was würden Sie als Ihren grössten beruflichen Erfolg bezeichnen?
Die Kreation von Delance 1996. Ich hatte die Vorstellung einer Uhr, die Kraft und Talente der Frauen symbolisiert, und ich realisierte sie.
Wenn Sie an Ihr erstes Bewerbungsgespräch zurückdenken: Woran erinnern Sie sich noch?
Ich hatte zu viel gesprochen. Trotzdem wurde ich eingestellt.
Wie viele E-Mails beantworten Sie pro Woche?
200.
Wie viele Stunden arbeiten Sie durchschnittlich pro Tag?
Ungefähr 10 bis 14 Stunden. Meine besten Ideen kommen beim Spazieren und vor dem Einschlafen.
An welchem Ort können Sie am besten arbeiten?
Im Wald oder im Bett und am Arbeitstisch mit Blick auf die Alpen.
In welchen Ländern haben Sie bisher gearbeitet – und wo wären Sie gerne noch tätig?
In unzähligen Ländern; wenn, dann in Brasilien, wegen der Sonne und des Lebensgefühls.
Wie hoch war Ihr erster Monatslohn?
1964 erhielt ich 400 Franken im Geschäft meiner Mutter.
Welches sind Ihrer Ansicht nach die drei wichtigsten Gründe für Erfolg im Leben?
Sich auf die wichtigen Dinge zu konzentrieren, Träume zu haben und alles zu unternehmen, um sie zu realisieren, sowie Misserfolg als Chance zu betrachten.
Aus welchem Misserfolg haben Sie am meisten gelernt?
Als das Projekt für eine Uhr für Frauen, das ich für eine bekannte Firma persönlich entwickelt hatte, nicht weiterverfolgt wurde, da stellte ich fest: Mein Temperament passt nicht in einen grossen Konzern.
Welches sind die drei wichtigsten Tugenden eines Vorgesetzten?
Ein offenes Ohr zu haben, den Mut, den Mitarbeitern zu vertrauen und sie zu fordern. Nur so kann man zusammen erfolgreich und glücklich sein.
Welche Person ist für Sie ein persönliches Vorbild?
Meine Mutter. Ich habe von ihr das Lebensgefühl und die Energie geerbt.
Welche Person ist für Sie ein berufliches Vorbild?
Bundesrätin Doris Leuthard. Sie ist mutig, unternehmerisch; sie bleibt ihren Vorsätzen treu und hat eine tolle Ausstrahlung.
Wann bereitet Ihnen Ihre Berufstätigkeit Bauchschmerzen?
Wenn ich zu viel gegessen habe.
Worüber ärgern Sie sich immer wieder im beruflichen Alltag, und was tun Sie dagegen?
Ich ärgere mich, wenn Menschen unehrlich sind. Es kommt aber darauf an, wer es ist. Der Kunde ist König: Ich bleibe ruhig. Bei den Lieferanten bin ich Königin. Mit den anderen Leuten versuche ich, einen Weg zu finden.
Welche Eigenschaften schätzen Sie am meisten an Ihren Mitarbeitenden?
Ihr Engagement.
Wie stellen Sie Ihre persönliche Work-Life-Balance sicher?
Mit Spazieren, Meditieren, mit Tanzen und mit meinen Enkelkindern Zeit zu verbringen.
Welche Netzwerke nutzen und pflegen Sie beruflich?
Business and Professional Women sowie weitere Frauen- und professionelle Netzwerke.
Welche persönliche Freiheit vermissen Sie am meisten?
Nicht oft genug ins Theater oder Ballett gehen zu können.
Was stört Sie am meisten als Staatsbürgerin?
Dass die Rechte der Frauen nicht immer ernst genommen werden.
Ihre grösste Tugend?
Mein Mut.
Ihr grösstes Laster?
Schöne italienische Schuhe.
Ihr Lieblingsbuch?
«Women who run with the wolves» von Clarissa Pinkola Estés.
Ihr Lieblingsfilm?
«Doktor Schiwago» von David Lean, mit Omas Sharif und Julie Christie. Die Geschichte ist atemberaubend, die Landschaft wunderschön, die Musik unvergesslich, und die Schauspieler sind grossartig.
Was kaufen Sie selber ein – und wo tun Sie dies?
Ich kaufe alles selber, die Nahrungsmittel im nahen Dorfladen oder im Einkaufszentrum. Den Rest weltweit, wenn ich etwas sehe, das mir gefällt.
Welches persönliche Ziel möchten Sie noch erreichen?
Ausgeglichenheit.
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Giselle Rufer
Giselle Rufer, 63, ist Gründerin der Uhrenfirma Delance. Die gelernte kaufmännische Angestellte studierte später Kunst und danach Informatik. Im Alter von 40 Jahren schloss sie die Ingenieurschule Biel mit dem Diplom ab. 2008 wurde Rufer zur Unternehmerin des Jahres gewählt. Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter.
Mit der Uhrenfabrik Delance Swiss Watches for Women gründete Rufer Mitte der neunziger Jahre ein Unternehmen, das Modelle für Frauen herstellt. Dabei wendet Delance ein modulares Konzept an, das die Uhr sich den Jahreszeiten und Wünschen der Besitzerinnen anpassen lässt. Die in Magglingen beheimatete Firma beschäftigt drei festangestellte Mitarbeiterinnen. Der grösste Teil des für Delance tätigen Personals arbeitet im Mandatsverhältnis.
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