11. Februar 2012, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
«Städte und Agglomerationen sollten lebenswerter werden»
33 Fragen an Beat Odinga, CEO der Odinga Holding AG, Uster
Interview: met.
Haben Sie Ihre Karriere von Anfang an genau vor sich gesehen?
Nein, ich habe mich nie um meine Karriere gekümmert. Mich interessieren die sich stellenden Aufgaben.
Ist die Weiterbildung im Management auf der Höhe der Zeit?
Ich denke ja, wir fördern unsere Mitarbeitenden in ihrer Ausbildung und regen sie auch an, über ihre Zukunft nachzudenken.
Wie lauten Ihre Führungsgrundsätze?
Mein Ziel ist, dass alle Mitarbeitenden für ihr Handeln Verantwortung übernehmen. Wir pflegen auch eine Kultur, die Fehler zulässt. Im Weiteren haben wir nur wenige Hierarchiestufen in unserer Unternehmung und organisieren uns projektorientiert in Arbeitsgruppen.
Ist kompetente Unternehmensführung überhaupt erlernbar?
Unternehmensführung ist lernbar, Unternehmertum nicht.
Haben sich Ihre Führungsprinzipien im Lauf der Zeit verändert?
Ja, ich lerne täglich dazu. Unser unternehmerisches Bestreben und unsere gesellschaftliche Haltung entwickeln sich mit unserem Tun. Dies beeinflusst auch die Prinzipien.
Darf ein Chef auch Schwächen zeigen?
Auf jeden Fall. Schwächen zeigen bedeutet auch, die Stärken der anderen anzuerkennen. Die Mitarbeiter sind in ihrer Disziplin die Spezialisten, nicht ich. Meine Aufgaben als Unternehmer sind andere als die der Projektverantwortlichen. Nur im Team sind wir mit bestem Wissen vollständig. Daher ist es auch wichtig, dass das Team alle Schwächen und Stärken kennt, jene des Chefs eingeschlossen.
Wie spüren Sie die gegenwärtige Wirtschaftslage?
Die momentane Situation hilft unserer Branche, wir profitieren davon. Jedoch geht jeder Aufschwung einmal zu Ende. Dies ist uns bewusst, und wir sind darauf vorbereitet.
Hat die globale Arbeitsteilung positive Effekte gebracht?
Der Völkerverständigung und dem daraus entstandenen Zusammenwachsen der Märkte hat die Globalisierung Vorteile gebracht. Dass jedoch Produktionsverlagerungen in Billigländer ökologisch und ökonomisch nachhaltig sind, bezweifle ich. Die daraus entstehenden sozialen Probleme werden wir noch zu lösen haben – bei uns wie in Schwellenländern.
Können Sie sich Alternativen zur Globalisierung vorstellen?
Die Finanzwirtschaft hat in den letzten Jahrzehnten eine zu grosse Machtstellung erlangt. Das Geldvolumen hat sich vom Produktionsvolumen abgekoppelt und verselbständigt, Realwerte wurden verfälscht. Die zu dominante Position der Banken könnte sich – je länger die Finanzkrise dauert – zugunsten der produktiven Marktwirtschaft verschieben. Vielleicht wäre damit auch die Chance für eine ethische Marktwirtschaft gegeben, die ihre Stärke in den regionalen Märkten sucht.
Was geht Ihnen auf die Nerven?
Wenn man auf halber Strecke stehenbleibt und glaubt, bereits am Ziel zu sein.
Worüber können Sie herzlich lachen?
Situativ über alle möglichen Tageskomiken.
Was sagen Ihre Mitarbeiter über Sie?
Meine Mitarbeitenden hoffen, dass ich nach den Ferien nicht wieder eine neue Idee habe und eine neue Firma gründen will.
Wie reagieren Sie auf Kritik?
Mit sachlicher Kritik kann ich gut umgehen. Ist die Kritik jedoch pauschal oder emotional geprägt, kann ich damit nichts anfangen. Kritik als solche nehme ich ernst und suche Lösungen mit den Kritisierenden.
Hat Sie Ihr Bauchgefühl auch schon einmal getäuscht?
Ich denke schon. Das Bauchgefühl ist ja nicht rational, sondern intuitiv, dem eigenen Empfinden entsprechend. Eine gute Kombination wäre, die Sachlage mit dem Verstand zu erfassen und den eruierten Lösungsansatz mit dem Bauchgefühl zu paaren.
Stellen Sie auch ehemalige Arbeitskollegen und Freunde ein, oder ziehen Sie unbeschriebene Blätter vor?
Ehemalige Arbeitskollegen haben wir bis anhin nicht eingestellt. Ich sehe jedoch keinen Hinderungsgrund, dies zu tun. Personen aus Freundeskreisen habe ich schon eingestellt und damit auch gute Erfahrungen gemacht.
Sind «Quotenfrauen» notwendig oder überholt?
Ich denke, dass Frauen- wie Männerquoten überholt und nicht notwendig sind. Wir stellen unser Personal aufgrund von Qualifikation und Teamfähigkeit ein.
Werden bei Ihnen Kandidaten gegoogelt?
Aus meiner Sicht erfahren wir von Google nichts Relevantes über unsere Kandidaten.
Falls Ihnen Ihr Smartphone abhandenkommt: Ist das ein Desaster für Sie und Ihre Terminplanung?
Ein Desaster nicht, aber umständlich. Wahrscheinlich hätte ich innerhalb eines Tages ein neues Smartphone. Die Daten sind zentral gespeichert und somit nicht verloren.
Welchen Stellenwert haben für Sie soziale Netzwerke, beruflich und privat?
Absolut keinen.
Was halten Sie von Managern, die in der Öffentlichkeit mit wenig Schlaf und Wochenendarbeit auftrumpfen?
Diese Art von Aussagen überhöre ich. Die Manager sind ja stolz auf ihre Leistungsfähigkeit; ob sie dabei auch effizient sind, mag ich nicht beurteilen. Würden in meinem Unternehmen Mitarbeiter Tag und Nacht arbeiten müssen, so würden wir die Gründe dafür analysieren und Massnahmen dagegen einleiten.
Würden Sie Ihre Karriere gegebenenfalls zugunsten eines humanitären Einsatzes aufgeben?
Unser Unternehmen beschäftigt sich mit Städtebau und dadurch mit gesellschaftlichen Fragen. Das Umsetzen der Stadtbaukunst ist für unsere Gesellschaft wichtig. Diese Ziele zugunsten eines humanitären Einsatzes nicht mehr weiterverfolgen zu können, würde mir schwerfallen.
Wann und wo können Sie wirklich abschalten?
Vor einigen Jahren konnte ich hervorragend in den Ferien und bei Ausflügen mit dem Oldtimer oder beim Segeln abschalten. Wegen der zunehmenden Verantwortung aufgrund der Grösse unseres Unternehmens fällt mir das Abschalten schwerer. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, diese wichtigen Ruhepole wieder zu finden. Entsprechend dieser Zielsetzung nehme ich dieses Jahr wieder vermehrt Auszeiten.
Sind Vorbilder noch aktuell oder eher hinderlich bei der Selbstverwirklichung?
Vorbilder sind wichtig und nützlich, um die eigenen Zielvorstellungen zu schärfen. Man sollte sich jedoch nicht nur an den Vorbildern orientieren, sondern seinen persönlichen Weg zur Verwirklichung finden.
Was raten Sie dem Berufsnachwuchs – und den eigenen Kindern?
Ich rate meinen Kindern, sich viel Allgemeinwissen anzueignen, kritisch zu sein, und ich ermögliche ihnen, ihren eigenen Weg zu gehen.
Wie wurden Sie durch Ihre ehemaligen Lehrpersonen eingeschätzt?
Mein ehemaliger Lehrmeister wollte mich nach Hongkong schicken und mich dort in Derivatgeschäften ausbilden lassen. Ich persönlich suchte jedoch eher den Weg eines Allrounders als den eines Spezialisten. Diese Weichenstellung war prägend für meine Laufbahn. Ich habe meinen Weg gefunden.
Hat Ihnen die Schule das wirklich Relevante vermittelt?
Grundsätzlich sicher ja. Was aber wirklich relevant war und worauf man sich hätte fokussieren sollen, erfuhr ich erst im Nachhinein.
Könnten Sie sich ein Leben im Kloster vorstellen?
Ich kann mir nicht vorstellen, meinen Lebensinhalt alleine in der Meditation und in der Ruhe einer Klosteranlage zu finden.
Kommen Sie manchmal zu spät?
Ja, aber nur ungern und daher selten.
Glauben Sie an die Vorsehung und an das Schicksal?
Ich glaube an die Zukunft und dass es mir gelingen wird, diese mitzugestalten. Schicksalsschläge gibt es immer, diese sind ja drittbestimmt. An Vorsehung glaube ich nicht.
Sind Sie zuversichtlich für die Schweiz?
Ja, unsere Demokratie hilft uns, dass wichtige Entscheide durch eine kluge Mehrheit mitgetragen werden.
Welche Probleme sollte die Politik unverzüglich anpacken?
Die Raumplanung. Die Städte und die Agglomerationen sollen städtischer und lebenswerter werden, die Landschaft dafür «landschaftlicher». Die Stadt wie die Landschaft haben hohe Qualitäten, die es zu erhalten und zu stärken gilt. Nur so lassen sich Bevölkerungswachstum und enges Zusammenleben verträglich gestalten.
Eine Ihrer Lebensweisheiten?
Mehrdimensionales Denken heisst, den eigenen Standpunkt nicht absolut, sondern relativ zum Standpunkt der anderen zu sehen.
Wie könnte die Titelüberschrift dieses Interviews lauten?
«Schwäche zeigen bedeutet, die Stärken der anderen anzuerkennen.»
Zur Person
Beat Odinga, 51, gelernter Kaufmann, ist verheiratet und Vater zweier Kinder im Alter von 16 und 22 Jahren. Der Geschäftsleiter und Inhaber der Odinga Holding AG arbeitete zuerst im internationalen Handel. 1994 startete Odinga als Einzelunternehmen, welches Anfang 2006 in eine AG mit Holdingstruktur umgewandelt wurde. Die 25 Spezialisten der Geschäftsbereiche Städtebau/Projektentwicklung, Projektleitung/Ausführung und Verkauf/Vermietung von Gewerbeliegenschaften und Wohnungen erwirtschafteten unter der Leitung von Beat Odinga im vergangenen Jahr rund 8 Millionen Franken Umsatz. Als Immobilien-Dienstleistungsunternehmen entwickelte die Beat Odinga AG mit ihrem Kernteam sowie rund 60 interdisziplinär geführten externen Planern (Architekten und Fachplaner) in den vergangenen Jahren rund 1500 Wohnungen und Gewerbeliegenschaften. Anliegen war dabei, hohen städtebaulichen Anforderungen sowie den ökonomischen, ökologischen und sozialen Ansprüchen zukünftiger Generationen zu entsprechen.
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