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24. Dezember 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

«Ich leiste mir den Luxus, nicht immer erreichbar zu sein»

33 Fragen an Andrea von Rotz, Bäckerei-/Confiseur-Inhaberin in Cham

Andrea von Rotz in ihrer Bäckerei-Konditorei am Firmenhauptsitz in Baar. (Bild: Karin Hofer / NZZ)Zoom

Andrea von Rotz in ihrer Bäckerei-Konditorei am Firmenhauptsitz in Baar. (Bild: Karin Hofer / NZZ)

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Haben Sie Ihre Karriere von Anfang an genau vor sich gesehen?

Nein, überhaupt nicht. Ich kann mir – auch aufgrund meines eigenen beruflichen Werdegangs – gar nicht vorstellen, wie das gehen soll.

Ist die Weiterbildung im Management auf der Höhe der Zeit?

Die Umsetzung in der Praxis entscheidet über die Qualität von Aus- und Weiterbildungen. Die Realität, die ich im Arbeitsalltag erlebe, sieht so aus: Erhöhte Anforderungen können kaum mehr erfüllt werden. Das ist ernüchternd.

Wie lauten Ihre Führungsgrundsätze?

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Das Ziel gibt den Weg vor. Nicht umgekehrt!

Ist kompetente Unternehmensführung überhaupt erlernbar?

Kompetenz, Leistungsbereitschaft und Qualitätsansprüche sind heute Voraussetzungen für Erfolg. Wirklich entscheidend ist aber die emotionale Intelligenz. Diese kann nicht erlernt werden. Auch darum fehlt sie nicht wenigen Kaderleuten. Leider.

Haben sich Ihre Führungsprinzipien im Lauf der Zeit verändert?

Nicht in den Grundsätzen. Die Realität hat mich aber gelehrt, die Prinzipien etwas flexibler zu handhaben.

Darf ein Chef auch Schwächen zeigen?

Kommt drauf an, wem er sie zeigt.

Wie spüren Sie die gegenwärtige Wirtschaftslage?

Entscheide – strategische und operative – werden immer kurzfristiger gefällt. Doch dann pressiert's unverhältnismässig. Gleichzeitig wird vom Gegenüber ein immer höherer Dienstleistungsgrad bei immer grösserem Margendruck gefordert.

Hat die globale Arbeitsteilung positive Effekte gebracht?

Ja, wenn das Bewusstsein für nachhaltiges Wirtschaften weiter steigt. Für unser Unternehmen bedeutet das zum Beispiel, dass wir beim Einkauf des Kakaos in Peru einen ursprünglichen, ökologischen und nachhaltigen Anbau im Einklang mit der Natur verlangen und dafür den «Cacaoteros», den Kakaobauern, einen fairen Preis bezahlen.

Können Sie sich Alternativen zur Globalisierung vorstellen?

Globalisierung ist eine logische Entwicklung. Und Entwicklungen lassen sich nicht wirklich aufhalten. Was ich mir vorstellen kann und bereits vermehrt spüre: dass sich immer stärker eine Bewegung «Back to the Roots» bemerkbar macht, die scheinbar verschüttete Werte wieder hochhält. Der Globalisierung wird ein Konzept der regionalen Verbundenheit gegenübergestellt, die Wurzeln werden betont, hier sehe ich unsere Chancen. Das eine schliesst das andere aber nicht aus.

Was geht Ihnen auf die Nerven?

«DAG» – Dummheit, Arroganz, Gleichgültigkeit.

Worüber können Sie herzlich lachen?

Über unsere drei Buben.

Was sagen Ihre Mitarbeiter über Sie?

Streng, aber fair.

Wie reagieren Sie auf Kritik?

Ich bin sehr empfänglich für konstruktive Kritik. Denn sie bringt einen weiter. Sie ist die notwendige Basis für Korrekturen und Fortschritte. Destruktive Kritik hingegen ignoriere ich.

Hat Sie Ihr Bauchgefühl auch schon einmal getäuscht?

Nein.

Stellen Sie auch ehemalige Arbeitskollegen und Freunde ein, oder ziehen Sie unbeschriebene Blätter vor?

Ja sicher, wenn sie gut sind. Qualität und Kompetenz sind die einzigen Anforderungen. Denn ich stelle Mitarbeitende nur nach dem Leistungsprinzip ein. Egal, ob Bekannte oder unbeschriebene Blätter.

Sind «Quotenfrauen» notwendig oder überholt?

Der Begriff «Quotenfrauen» wird weder der Sache noch den Frauen gerecht. Wir brauchen Frauen in der Wirtschaft, weil wir es uns schlicht nicht leisten können, auf die Kompetenzen, Fähigkeiten und Qualitäten von über 50 Prozent der Bevölkerung zu verzichten. Also dürfen wir den Frauen beim Gang in die Wirtschaft keine Steine in den Weg legen.

Werden bei Ihnen Kandidaten gegoogelt?

Nein.

Falls Ihnen Ihr Smartphone abhandenkommt: Ist das ein Desaster für Sie und Ihre Terminplanung?

Ich leiste mir den Luxus, nicht immer erreichbar zu sein. In unserer heutigen Welt ärgert das hin und wieder den einen oder anderen. Zum Beispiel meinen Mann.

Welchen Stellenwert haben für Sie soziale Netzwerke, beruflich und privat?

Geschäftlich und gesellschaftlich beeinflussen Social Media wie Facebook und Twitter uns immer mehr. Sie ermöglichen eine Kommunikationsdimension mehr. Ich bevorzuge den direkten Kontakt mit den Menschen. Darum pflege ich meine privaten Netzwerke nicht digital, sondern persönlich.

Was halten Sie von Managern, die in der Öffentlichkeit mit wenig Schlaf und Wochenendarbeit auftrumpfen?

Manager, die mit wenig Schlaf und übermässiger Arbeit angeben, pflegen vermutlich Profilneurosen. Entweder bluffen sie oder sind chronisch übermüdet. Beides sind keine optimalen Voraussetzungen für erfolgreiches Management.

Würden Sie Ihre Karriere gegebenenfalls zugunsten eines humanitären Einsatzes aufgeben?

Mir ist – auch die ökonomische – Sicherheit für meine Familie und mich sehr wichtig. Darum: Ein humanitärer Einsatz anstelle der Karriere käme nur in Frage, wenn ich finanziell abgesichert wäre.

Wann und wo können Sie wirklich abschalten?

Mit meiner Familie in Zermatt mit freiem Blick auf das Matterhorn. Und beim Zusammensein mit unseren Freunden.

Sind Vorbilder noch aktuell oder eher hinderlich bei der Selbstverwirklichung?

Vorbilder müssen helfen, die richtigen Relationen zu setzen und wegweisende Entscheidungen zu treffen. Sie dürfen auf keinen Fall als Übermenschen daherkommen. Dann sind sie wichtige Bezugspunkte auf dem Lebensweg.

Was raten Sie dem Berufsnachwuchs – und den eigenen Kindern?

Ich lege meinen Kindern und dem Berufsnachwuchs zwei Dinge ans Herz. Erstens: Tut es, aber tut es jederzeit selbstkritisch und mit Engagement und voller Überzeugung. Zweitens: Schaut immer nach vorne! Was gestern war, ist vorbei. Wer in der Vergangenheit lebt, ist selbst bald Vergangenheit.

Wie wurden Sie durch Ihre ehemaligen Lehrpersonen eingeschätzt?

Das ist ein schwieriges Thema, fragen Sie meine Lehrpersonen . . .

Hat Ihnen die Schule das wirklich Relevante vermittelt?

Ja, im Rückblick empfinde ich das so. Die heutige Schule täte aber gut daran, sich verstärkt am Arbeitsmarkt und an seinen Anforderungen zu orientieren. Der Bildungsstand unserer Auszubildenden ist teilweise leider bedenklich.

Könnten Sie sich ein Leben im Kloster vorstellen?

Nein. Kloster tönt nach Einschränkung. Ich lebe zu gerne. Es gibt jedoch Leute, bei denen ich glaube, dass ihnen eine gewisse Einschränkung guttäte.

Kommen Sie manchmal zu spät?

Kommt auf den Strassenverkehr an. Grundsätzlich halte ich Pünktlichkeit für eine wichtige Eigenschaft.

Glauben Sie an die Vorsehung und an das Schicksal?

Einerseits ja. Anderseits in vielen Härtefällen, die nur schwer zu be- greifen sind, auch wieder nicht. Und grundsätzlich inakzeptabel ist für mich, wenn die Ignoranz von unbelehrbaren Menschen mit dem Schicksal erklärt wird.

Sind Sie zuversichtlich für die Schweiz?

Absolut, unser Land und unsere Volkswirtschaft sind in vielerlei Hinsicht ausgezeichnet positioniert. Gründe für Zuversicht gibt es zahlreiche. Voraussetzung dafür ist freilich, dass wir bereit sind, für unseren Wohlstand und unsere Sicherheit auch in der Zukunft hart zu arbeiten.

Welche Probleme sollte die Politik unverzüglich anpacken?

Die Politik sollte sich unverzüglich eines konsistenten Bildungskonzepts annehmen. Bildung ist unser Kapital. Dazu sind die bestmöglichen Ausbildungen nötig. Auf allen Stufen. Bei der Bildung darf nicht gespart werden, im Gegenteil. Doch wir brauchen nicht nur studierte Hochschulabgänger, sondern ebenso qualifizierte Handwerkerinnen und Handwerker. Ich hoffe, dass über die verstärkte Qualität der Ausbildung auch die Wertschätzung und das Image gerade im Verkauf und in der Gastronomie künftig besser werden, denn diese Berufe werden heute zu oft geringgeschätzt.

Eine Ihrer Lebensweisheiten?

Wer immer Vollgas gibt und leidenschaftlich lebt, muss sich niemals die Frage stellen, ob mehr dringelegen hätte im Leben.

Wie könnte die Titelüberschrift dieses Interviews lauten?

7/24 – 7 Tage 24 Stunden Qualität und Dynamik. Oder: Erfolg ist das beste Anti-Aging.

Zur Person

Andrea von Rotz, 45, leitet zusammen mit ihrem Mann Roger von Rotz als Inhaberin und Geschäftsführerin die Geschicke der Bäckerei/Konditorei/ Confiserie von Rotz mit Hauptsitz in Cham im Kanton Zug und Filialen mit integrierten Cafés in Steinhausen, Rotkreuz, Küssnacht am Rigi und Baar. Sie übernahmen das Familienunternehmen 1997. Seither ist der Betrieb von sieben auf 120 Mitarbeitende angewachsen. Die Pflege des Sortiments in den Bereichen Bäckerei, Konditorei, Confiserie und Traiteur hat dem Unternehmen ein stetes Wachstum. beschert. Andrea von Rotz ist ursprünglich gelernte Baumalerin und liess sich danach, der Liebe wegen, zur Konditorei-Confiserie-Verkäuferin ausbilden. Sie ist Mutter von drei Knaben: Jean-Luc (12 Jahre), Julien (10) und Laurent (6). Ihre Leidenschaft gehört der Natur, besonders in den Bergen. Und dem Schwyzerörgeli – nur kommt das Spielen darauf in letzter Zeit oft zu kurz. Mit festem Vorsatz hat sie sich aber für 2012 vermehrt Zeit für das Musizieren ausbedungen.


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