Donnerstag, 29. Juli 2010, 14:31:33 Uhr, NZZ Online
Erodiert die Bereitschaft zur Freiwilligkeit, oder lässt der Arbeitsmarkt Zusatzengagements heute nicht mehr zu? Nebenamtliches Zusatzengagement wird auch als «Miliz» bezeichnet. In der Schweiz findet man die bekannteste Form der Miliz in der Armee. Aber auch grosse Teile der Politik, des Sportes, der Kultur oder von caritativen Organisationen leben hierzulande von diesem Prinzip.
«Miliz» ist kein Selbstzweck, sondern eine Organisationsform, ein gegenseitiges Nutzen von Synergien. Ein elementares Wesensmerkmal des Milizsystems ist die Nebenberuflichkeit. Sie kann durch Verpflichtung erfolgen oder auf Freiwilligkeit basieren. In der Armee zum Beispiel leisten die Kommandanten von Einheiten und die Angehörigen von Stäben ihre Dienste in der Regel freiwillig. Daraus können sich Konflikte mit beruflichen und familiären Ansprüchen ergeben. In den letzten Jahren ist ein Rückgang in der Bevölkerung für freiwillige Zusatzengagements beobachtbar: Lokale Parlamente finden keine Vertreter mehr, Sportvereine keine Mitglieder für den Vorstand, und die Armee beklagt sich über einen Mangel an Kadern. Diese Entwicklung lässt vermuten, dass die Bereitschaft zur Freiwilligenarbeit erodiert, sie gesellschaftlich nicht mehr «en vogue» ist oder aber der Arbeitsmarkt diese Zusatzengagements nicht mehr zulässt.
Mit dieser Fragestellung befasst sich eine Studie der Universität Zürich. Bei Angehörigen der Schweizer Armee wurden in diesem Rahmen Informationen zur beruflichen wie familiären Situation und Angaben zur Person erhoben. Ziel der Untersuchung ist es zu erforschen, wie sich das freiwillige Zusatzengagement und die damit verbundene Zusatzausbildung auf den Arbeitsmarkterfolg der jeweiligen Soldaten auswirken. Dabei wurde der Arbeitsmarkterfolg über den Lohn definiert. Das zugrundeliegende Gedankenmodell geht davon aus, dass die in der Armee gesammelte Führungs- und Organisationserfahrung in das zivile Berufsleben integriert werden kann.
Die Angehörigen des militärischen Kaders verfügen somit ceteris paribus über ein höheres Humankapital gegenüber Personen ohne militärische Kaderausbildung. Dies ist die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist, dass Kaderangehörige je nach Funktion neben der vordienstlichen Vorbereitung, verglichen mit einem Soldaten, bis zu einer Woche mehr, also insgesamt vier Wochen, von der Arbeitsstelle abwesend sind. Dies könnte zu einer beruflichen Diskriminierung der Kaderangehörigen führen.
Die Resultate zeigen jedoch, dass Unteroffiziere auf dem Arbeitsmarkt nicht diskriminiert werden. Offiziere haben sogar eine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit, in der obersten Lohngruppe zu sein. Der gemessene Effekt ist aber nicht zwingend ursächlich zu verstehen, sondern als statistisch signifikanter Zusammenhang. Die Beziehung zwischen ziviler und militärischer Laufbahn darf auch nicht auf ein Entweder-oder reduziert werden. Positive Wirkungen auf den Berufserfolg in Wirtschaft und Verwaltung resultieren nicht ausschliesslich aus einer militärischen Karriere. Nutzenwirkungen können sich auch durch Zusatzengagements in der Politik, im Sport, in der Kultur und/oder in der Führung von Vereinen ergeben.
Philippe Mahler, Lehrstuhl HR-Management, Universität Zürich